Männer im Kosmetikstudio
Autor: Anika • Sonntag, 15. Juni 2008, 13:33 UhrKategorie: Männer, Titelthema
Männer im Kosmetikstudio
Mein Dank geht insbesondere an Piet, der offensichtlich die Spezies „Es ist ja schön, aber hoffentlich sieht mich keiner“ vertritt. Wobei mir seine Ironie durchaus bewusst ist. Danke, Piet, für die Inspiration!
Auf die Gattung der „Angsthasen“ werde ich noch zu sprechen kommen.
Dieser Kunde kommt seit Jahren pünktlich und unverdrossen. Er weiß, wohin mit seinen Sachen, nimmt Platz und genießt die Behandlung. Meist ist er von seiner Frau geschickt, die auch bei mir Kundin ist. Wir kennen uns nun schon so lange, dass wir uns über dieses und jenes unterhalten können, und die Palette reicht von Ringelnatz über Babypflege bis hin zum aktuellen Weltgeschehen.
Durch die regelmäßige Pflege habe ich kaum etwas zu tun, und das wohl auch deshalb, weil er meine gut gemeinten Ratschläge annimmt und akzeptiert.
Eine angenehme Spezies, die mir meinen Beruf zu einem Vergnügen macht.
Mit dieser Gattung wird sich wohl kaum jemand von euch identifizieren.
Es handelt sich um Jugendliche mit den entsprechenden quälenden Akne-Problemen. In den meisten Fällen werden sie von ihren Müttern geschickt, die sich im Vorfeld vergeblich an Pusteln und Mitessern versuchen wollten, doch blieb es beim Versuchen, weil der „Patient“ sich mit viel Geschrei weigerte, Mama auch nur in die Nähe seiner Gesichts- oder -Rückenprobleme zu lassen.
Liegt er erst ein wenig verunsichert auf meiner Behandlungsliege, mutiert er zum wahren Kerl, der mutig und nach außen gelassen alle meine schmerzhaften Eingriffe erträgt und nicht einmal zuckt, wenn ich eine sterile Kanüle auspacke, um Grießkörnchen zu entfernen.
Meist sieht er nach der Behandlung schlimmer aus als vorher, aber er glaubt vertrauensvoll meiner Versicherung, dass bis zum nächsten Date alles wieder gut ist.
Auch er erscheint regelmäßig.
Meist handelt es sich um einen Anzugträger, der im entsprechenden Beruf arbeitet, wo Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt wird. Sorgsam hängt er seinen feinen Zwirn auf die Kleiderbügel und nimmt Platz.
Jetzt kann ich alle Register ziehen und verschiedene Extras anbieten und anwenden, die über die übliche Behandlung hinausgehen.
Ebenfalls eine angenehme Sorte, weil sie Umsatz macht. Das erleichtert es mir, über mögliche „Komplimente“, ich sähe heute wieder bezaubernd aus, und ich hätte so schöne weiche Hände (wie Katzenpfötchen *g*) hinwegzuhören.
Manchmal lässt er sich die Augebrauen ein wenig in Form zupfen und die Wimpern färben, natürlich dezent mit brauner Farbe. Er sollte aber nicht verwechselt werden mit einer anderen Spezies.
Er kommt, wie er gerade ist. Das kann direkt vom Training oder vom Laufen sein. Er „duftet“ männlich markant, was aber nicht weiter schlimm ist, weil die Behandlung nicht lange dauert, denn meist verlangt er nur eine Teilbehandlung wegen etwaiger Mitesser.
Seine Turnschuhe dünsten derweil neben der Liege aus, und meine Katze Mausi findet das wunderbar. Sie würde am liebsten den Kopf in diese duftende Pracht stecken, wenn sie das dürfte.
Der Sportliche ist unkompliziert. Er macht zwar keinen besonderen Umsatz, ist aber angenehm im Umgang.
Er betritt verunsichert das Studio und blickt sich verschüchtert um. In seinen Augen lese ich die stumme Botschaft : „Tu mir nicht weh!“
Ich geleite ihn zum Behandlungsplatz und versuche, Sicherheit zu vermitteln, indem ich ihm mit liebreizendem Lächeln die Behandlungsschritte erkläre und ihm sämtliche Instrumente und Cremetöpfchen unter die Nase halte.
Hat er erst Vertrauen gefasst, ist er ein sehr angenehmer Kunde, der mir treu bleibt.
Er betritt souverän das Studio und hat scheinbar Rasierklingen unter den Achseln. Seine Präsenz ist enorm, und ich erwarte eigentlich so was wie: „Na, Puppe, da wolln wa ma!“ Das verunsichert mich in keiner Weise, zum einen, weil ich nicht mehr blutjung bin, zum anderen, weil ich einige Überraschungen für ihn bereithalte, von denen er scheinbar noch nichts weiß.
Ich weise ihm den Weg, doch er lässt mich vorangehen, und ich habe das drängende Gefühl, dass er grad meinen Hintern taxiert.
Betont langsam zieht er sein Shirt aus, damit ich den Sixpack nicht übersehe.
Nun gut, ich nehme ihn zur Kenntnis.
Dann liegt er breitbeinig da und hat die Daumen in seinen Gürtel gehakt. Von der Seite her ordne ich das Handtuch auf seiner Brust und erwarte - ein wenig panisch jetzt - dass er mir gleich an den Hintern fassen wird. Also setze ich mich schnellsten. Im Gespräch vermeide ich tunlichst das vertrauliche Du.
Ach ja! Schnell noch einen Zwischenspurt zum CD-Player, denn romantische Musik will ich jetzt nicht haben.
Die Ausreinigung fällt sehr kraftvoll aus (Ich habe zwar kleine, aber kräftige Hände.) Und manchmal spüre ich ein verhaltenes Zucken seiner Gesichtsmuskulatur, als ich die Nase in Arbeit habe.
Das ist wunderbar, denn es versetzt mich in die glückliche Lage, diesen oder jenen Griff zu übergehen, um Zeit zu sparen und schneller mit ihm fertig zu sein.
Aber ja doch! Liebend gern.
Also her mit den Wachsstreifen und ab geht die Post, und sein mühsam verhaltenes Aufstöhnen ist Musik in meinen Ohren.
Aber er kommt immer wieder!
Er kommt gern. Hat sich die Studiotür erst hinter ihm geschlossen, ist er gelöst und mutig. Er hat keine Angst vor der Behandlung, sondern davor, dass ihn jemand sieht, wie er ein Kosmetikstudio betritt. Bevor er die rettende Tür erreicht, blickt er sich immer wieder um.
Was sollen seine Kumpel dazu sagen? Es ist so unmännlich!
Glücklicherweise ist diese Spezies am Aussterben, denn immer mehr Männer nehmen meine Dienste in Anspruch. sie haben längst eingesehen, dass Kosmetik nichts zu tun hat mit Schminke und Eitelkeit, sonder einfach nur mit Pflege.
Ein sehr angenehmer Kunde, den ich behandeln kann, ohne befürchten zu müssen, dass ich Anzüglichkeiten aushalten muss.
Die Behandlungspalette ist breit. Ich darf Augenbrauen zupfen und färben, und im Gespräch fühle ich mich sehr wohl.
Ich mag ihn. Er ist unkompliziert, ist bereit, Schmerzen zu ertragen, und sehr dankbar, wenn ich ihn von den lästigen dunklen Pünktchen auf seiner Nase befreie.
Oft sind es Männer, die viel im Freien arbeiten müssen und mit Staub und Dreck zu tun haben. Sie haben eingesehen, dass besonders ihre Haut Pflege braucht und sind also motiviert und für guten Rat dankbar.
Bei dieser Spezies muss ich psychologisch vorgehen, denn es gibt zwei Arten, wie ich beschreiben werde.
Meine Sachlichkeit hilft ihm, er verliert seine Scheu und nimmt mich ernst, wenn ich ihm rate, das zu Hause zu tun, vielleicht mit Hilfe seiner Freundin. Es ist zum Schluss ein Gespräch ohne Peinlichkeit.
Der Typ ist schneller wieder draußen, als er „Tschüss!“ sagen kann. ein Gespräch lohnt sich nicht.
Zu Beginn meines Arbeitstages lese ich die Einträge in meinem Terminbuch, um mich auf die zu erwartenden Kunden einzustellen.
Ein Name sagt mir nichts. Wahrscheinlich wurde der Termin schon vor Wochen vereinbart, vielleicht telefonisch, und ich kann mich nicht mehr erinnern. So weiß ich nicht, ist es eine Kundin oder ein Kunde.
ER mag nicht. ER ist viel zu früh, aber ER mag nicht.
Einem neuen Kunden, der sich nicht auskennt, verzeihe ich natürlich dieses forsche Vorgehen, und dementsprechend lieb fällt mein Lächeln aus, und meine Stimme ist an Sanftheit nicht zu überbieten.
ER: Schaut missbilligend und etwas ungehalten auf seine Armbanduhr und trollt
sich. Selbst sein mir nun zugewandter Rücken signalisiert Befremdung.
Ich entschuldige mich bei ihr.
Fünfzehn Minuten bleiben mir noch bis zur Zeit X, und das schaffe ich bequem. ER wird pünktlich auf der Behandlungsliege Platz nehmen können. Ich bin immer pünktlich.
Während er sich bereit macht, hab ich Zeit, ihn unauffällig zu begutachten:
Ein Mann in mittleren Jahren, Anzug, Krawatte, Ton in Ton mit seinem Hemd. Blitzblanke teure Schuhe, kurz geschnittenes dunkles Haar. Kurzum eine gepflegte Erscheinung. Ist mir egal. Selbst wenn er die Inkarnation von Rock Hudson wäre…
Er nimmt Platz, mustert mein Equipment, und sein scharfer Blick fällt auf das Bedampfungsgerät.
ER: Ist das ein Vopazon?“
Oh, ein Insider, denke ich, innerlich breit grinsend. Er meint Vapozon.
Ich: Nein, das ist Kräuterbedampfer.
ER: Gut, dann dürfen Sie ihn benutzen. Den Vopazon vertrage ich nicht.
ER: Ich hab eine sehr empfindliche Haut. Sie müssen etwas für empfindliche Haut nehmen!. Am besten mit Kamillenextrakt. Und keine Creme an die Augen, bitte! Sie sind sehr empfindlich. Und achten sie darauf, nicht zu fest zu drücken und zu massieren! Meine Haut ist sehr empfindlich…blablabla…
Ich schaue inzwischen durch die Lupenleuchte und sehe eine gepflegte, gesunde Männerhaut ohne Besonderheiten und bin fest davon überzeugt, dass es sehr interessant und etwas Besonderes für ihn sein muss, eine empfindliche Haut zu haben.) Herrschaftszeiten, denke ich.
Was nun folgt ist pure Psychologie: Ich mache eine gründliche Anamnese und vermerke seine Antworten in der Kartei. Das wirkt kompetent, schafft Vertrauen und zeugt von meiner Professionalität. Mein Ziel ist es, ihm dadurch endlich das Maul zu stopfen.
Ich halte sie ihm unter die Nase und lese ihm mit sanfter Stimme die Ingredienzien vor und hole sogar das Buch, in dem die lateinischen Begriffe erläutert werden.
Er scheint beruhigt.
Selbstverständlich mache ich das. Es wird mich meine Kaffeepause kosten. Aber ER ist der Kunde…Und ich werde ihm eine saftige Rechnung präsentieren.
Der Vorgang dauert 15 Minuten. Zeit zum Verschnaufen.
ER: (dumpf unter der Stoffmaske hervor) Da stimmt was nicht. Ich merke nichts. Ich müsste doch etwas merken. Da stimmt doch was nicht.
ICH: Es ist alles in Ordnung. Sie dürfen auch nichts merken. Wenn sie etwas merken, mache ich es nicht richtig.
ER: Taut auf, redet und redet. Über seine zahlreichen Studiobesuche und dass er nie zufrieden war… Blablabla…
Meine rechte Hand beginnt zu zucken und sich nach rechts in Richtung des Reglers zu bewegen. Ich verspüre das fast unbezwingbare Bedürfnis, am Regler zu drehen und die Stromstärke zu erhöhen. Er würde Nadelstiche spüren und am Schluss einige rote Flecken im Gesicht haben. Ich halte meine rechte Hand mit der linken fest.
Während der anschließenden Massage verstummt er nach einer kleinen Weile und scheint in ein wohliges Koma zu fallen. Welch selige Ruhe…
Ein Wermutstropfen fällt in mein Glücksgefühl, als er sich nach der Behandlung sehr kritisch im großen Spiegel betrachtet.
ER: Na, ich hätte ja nicht gedacht, dass das beim ersten Mal so gut klappt.
ICH: (Auf der Zunge habe ich zwei Antworten. Ich entscheide mich für die zweite und lächle lieb.)
Schön, dass es Ihnen gefallen hat.
Die erste wäre gewesen: Ja, du mich auch…
Nach einer längeren Phase der Ruhe hatte ich es heute mit einem besonderen Exemplar der Spezies Mann zu tun: Das personifizierte Selbstbewusstsein und die unerschütterliche Überzeugung, in jedem Fall das Richtige zu tun (auch für andere und auch gegen ihren Willen):
Nein, er hatte sein Frauchen im Schlepp.
„Frauchen“ ist der richtige Name für diese arme Kreatur, die verhuscht und verzagt hinter ihm her schlich.
Wenn ich ein solches Paar sehe, bin ich intuitiv auf der Seite der Frau, und auch hier durfte ich meinem Instinkt vertrauen.
„Meine Frau hat Akne!“ hörte ich. „Ich habe mich schon selbst darum gekümmert, aber sie sollten sich das noch mal ansehen!“ hörte ich weiter.
Ich war voll mütterlicher Gefühle (der Frau gegenüber) und voll widerstreitender Gefühle, die von aufsteigendem Ärger bis hin zu einem wenig überlegenden „Idiot“ (dem Mann gegenüber) reichten.
Also bettete ich die Kundin mit aller Sorgfalt und Sanftheit, lächelte ihr zu, deckte sie zu und nahm nach einem aufmunternden Blick hinter ihr Platz.
Doch das war nicht alles, was ich sah: Ein riesiger Finger schob sich in mein Arbeitsfeld. SEIN Finger war es, stark vergrößert durch die Lupe. Er tippte dorthin, und er tippte hierhin, und begleitete seine Tipperei mit gebieterischen Worten: „Sehen sie hier…und hier…und hier… und da…! Das muss alles raus! Ich habe schon alles versucht.“
Nun, das Ergebnis seiner Versuche sah ich.
Das Frauchen zog sich regelrecht in sich selbst zurück und schien unter seinem tippenden Finger zu schrumpfen.
Was für ein penetranter Kerl! Wie konnte ich ihn loswerden?
Trotzdem gelang es mir, wenigstens ein paar Worte mit der Kundin allein zu reden, mit denen ich sie beruhigte und mit denen ich versuchte, Zuversicht zu vermitteln.
Er kam wieder, sichtlich erleichtert und voller Tatendrang, mir die Richtung zu weisen.
Während ich reinigte und ausreinigte und desinfizierte und wieder ausreinigte und wieder desinfizierte, sprang er neben der Liege hin und her und beobachtete mit Argusaugen jeden meiner Handgriffe.
Das Frauchen lag ergeben da. Sie kannte ihn.
Ich war so sauer, was nicht unbedingt gut ist, wenn ich massiere, weil ich Ausgeglichenheit und Ruhe rüberbringen sollte.
Er beobachtete seine Frau und mich, machte ein paar Mal den Mund auf, um was einzuwerfen, doch ich schoss Blitze in seine Richtung, und er stand auf und setze sich wieder und war baff, dass eine FRAU ihm so entgegentrat, und… schwieg. Ich war Sieger nach Punkten.
Ich ermahnte diesen Kerl eindringlich, die Finger vom Gesicht seiner Frau zu lassen. Ich malte ein Horrorszenario von Narbenbildung und dauerhafter Entstellung, und er wäre daran schuld, wenn er die Haut seiner Frau nicht ihr selbst und einem Profi überließe. Und er müsste das nächste Mal auch nicht mitkommen, weil ich wüsste, was ich tue.
Sie blickte mich an und hat sich, glaub ich, gefreut. Er blickte mich nicht an. Er hasst mich, glaub ich.
Ich hoffe, ich sehe sie wieder… die Frau meine ich. Ohne ihn.
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Welcher Typ seid ihr?
Anika ist Trägerin des Ginger-Gens,
Antifeministin,
Kämpferin gegen Pickel, Falten und Damenbärte. ;-)
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Juni 28th, 2008 in 5:48
Hrhrhrhr….
sehr nett
Du könntest damit wohl ein Buch füllen
Juni 28th, 2008 in 8:46
Da hast du recht.

Der Gerechtigkeit halber muss ich aber sagen, dass ich auch über Frauen viel schreiben könnte, und das wäre vielleicht um einiges “bissiger”.
Juli 3rd, 2008 in 1:16
Darauf bin ich dann mal gespannt.
Juli 4th, 2008 in 11:40
Echt toll geschrieben, nett zum Lesen.
September 16th, 2008 in 9:56
hallo Anika
“Thema: Männer im Kosmetikstudio”
Habe sehr aufmerksam deine detaillierten Ausführungen gelesen und mich dabei schmunzelnd amüsiert. Danke für die unterhaltsamen Einblicke in die Praxiswelt aus Sicht einer Kosmetikerin. Wie schon einer meiner Vorredner so treffend bemerkte, solltest Du wirklich deine Erlebnisse in einem Buch niederschreiben. Ich fühle mich jedenfalls angesprochen, auch einmal ein Kosmetikstudio zu besuchen. Schaden kann es sicherlich nicht und vielleicht erleichtert es, die tägliche Gesichtspflege zu verbessern um sich einfach noch wohler zufühlen.
Februar 18th, 2009 in 2:35
Sehr guter Beitrag! Weiter so!
Juli 27th, 2011 in 2:09
Schöner Artikel der ansatz gefällt mir!