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[Story] "Ein Ende und ein Anfang"

[Story] "Ein Ende und ein Anfang"


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Anika

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1    Donnerstag, 17. Mai 2007 um 19:10 Uhr
      

Ein Ende und ein Anfang


Seit Monaten schon wurde ich in beinahe jeder Nacht von ein und demselben Traum heimgesucht. In immer gleicher Folge spulte sich das Geschehen vor meinen Augen ab, doch ich war nicht nur Zuschauer, sondern Teil des Geschehens.
Greifbar nah waren die Ereignisse und fürchterlich, und wenn ich erwachte, war ich nass von meinem Schweiß, saß aufrecht im Bett, und mein Körper zitterte.
Ich schleppte die Bilder der Nächte durch die Tage, hörte den Lärm der Schlacht, den barbarischen Rhythmus der Trommeln, das Krachen von Metall auf Menschenschädel, das hinterhältige Surren und Schwirren der Pfeile, das Stöhnen und Schreien der Verwundeten und Sterbenden, und ich roch Blut, Schweiß und Exkremente und den Rauch brennender Hütten.
So wurden selbst die einfachsten Verrichtungen des Tages zur Qual, und Entscheidungen zu treffen war ich nicht mehr fähig. Langsam, aber stetig wurde ich zu einem Schatten, dem selbst Freundschaft nichts mehr bedeutete, denn ich zog mich zurück in eine selbst geschaffene Einsamkeit, um dort resignierend die folgende Nacht zu erwarten, von der ich wusste, was sie mir bringt.
Ich verlor den Verstand...

In diesem Moment der tiefsten Angst und Niedergeschlagenheit stellte sich heraus, dass ich nicht verlassen war. Eine meiner Freundinnen hatte einen Termin bei einem bekannten Psychologen vereinbart, und widerstandslos folgte ich ihr, auch wenn ich voller Skepsis über den Nutzen eines solchen Schrittes war.
Ich dachte nicht mehr daran, dass ich vor einigen Monaten noch verächtlich abgewinkt hätte: „Zu einem Klapsdoktor? Niemals! Sag mal, spinnst du?“
Ja, stolz war ich stets auf meine mentale und körperliche Gesundheit, und hätte mir jemand das Gegenteil prophezeit, ich hätte ihn ausgelacht. Meine Vorstellung von einer Therapie reichte von Gehirnwäsche bis hin zu Gesprächen in einer Gruppe mehr oder minder verwirrter Leute, die im Kreis sitzen und Dinge sagen wie „Guten Tag, ich bin der und der, und habe die und die Probleme.“

Es war nichts Besonderes an dem Mann in mittleren Jahren, der mich begrüßte. Nichts deutete auf seinen Beruf hin und er hatte nichts gemein mit jenen Menschen, die man etwas herablassend als „Verrücktendoktor“ bezeichnet. Vielleicht war sein Blick, mit dem er mich kurz musterte, schärfer und sein Händedruck fester.
Seine Sachlichkeit war wiederzufinden in der nahezu sparsamen Einrichtung des Sprechzimmers. Ich vermisste die berühmte Couch, wie ich sie aus Filmen kannte und die nach einschlägiger Meinung unbedingt dazugehörte.

So fand ich mich wieder in einem alten Sessel mit hoher Lehne, der mir durch seine Solidität Sicherheit vermittelte. In einiger Entfernung saß der Mann. Er wirkte teilnahmslos und distanziert. Ich weiß nicht, was ich erwartete hatte, vielleicht Mitgefühl oder Verständnis, doch da spürte ich weder das eine noch das andere, lediglich die Bereitschaft, mir zuzuhören.
Seine Fragen kamen sachlich und knapp. Zunächst fühlte ich mich verunsichert, doch nach der ersten Verwirrung begann ich zu sprechen: Leise, stammelnd, verkrampft, immer wieder stockend. Meine Hände in meinem Schoß flatterten wie aufgeschreckte Sperlinge, und es dauerte nicht lange, bis mir Tränen über die Wangen liefen.
Am Schluss schrie ich Furcht und Schmerz hinaus..

So und ähnlich verliefen die folgenden Sitzungen.
Nach jedem Gespräch war ich ein zitterndes Bündel, doch ich spürte, wie ich ruhiger wurde. Der Traum suchte mich weniger oft heim, und die erschreckenden Bilder wurden blasser, so dass ich es wagte zu hoffen, dass sie eines Tages gänzlich verschwinden würden.
Die besorgten Blicke des Mannes bemerkte ich nicht.
So war ich verwundert, als er nach der letzten Sitzung meine Hand nahm und mir fest in die Augen blickte.
„Wenn du mich brauchst, Mädchen“, sagte er leise, „dann komm zu mir, zu jeder Zeit, gleich ob Tag oder Nacht.“
War es denn noch nicht vorbei?

Meine Vorahnung trog mich nicht.
In einer Herbstnacht, in der Regen gegen die Fensterscheiben trommelte und ein Sturm die Läden rüttelte, kehrte der Traum zurück.
Die Bilder schlugen auf mich ein mit ungeahnter Intensität: Eine Schlacht, Kampf und Lärm von Waffen, verzweifelte Schreie, Rauch, brennende Häuser, Bosheit und Hass.
Das Bild einer Kreatur erschien, von der ich nicht wusste, war sie Mensch oder Wolf. Sie schien auf den Tod verwundet, und doch schlugen Menschen erbittert auf sie ein, bis sie sich nicht mehr regte. Ich beugte mich über den blutigen Klumpen,, denn nichts anderes war sie mehr, berührte ihre Stirn, als sie für einen winzigen Augenblick die Lider hob. Ihre blutigen Lippen formten unhörbare Laute. Ich sah in zwei dunkle Augen, in denen Wehmut, Resignation und Einsicht in ein unabwendbares Schicksal zu lesen waren. Und noch etwas sah ich: Hilf mir...
Mit einem Schrei erwachte ich.

Ich weiß heute nicht mehr, wie ich in die Praxis des Mannes gelangte. Ich muss wie eine Wahnsinnige gefahren sein, und in der Erinnerung ist mir nur der Moment, in dem ich mit irrem Blick vor seiner Tür stand und er mich wortlos ins Zimmer zog, wo ich zusammenbrach.
„Ja, so musste es kommen,“ hörte ich ihn murmeln.
Er brachte mich zu jenem großen Sessel, in dem ich schon so viele Stunden zugebracht hatte, kniete sich vor mich hin und nahm meine Hände. Eindringlich waren seine Worte, und hätte ich nicht seine warmen Hände und seinen nachdrücklichen Blick gespürt, hätte ich mich gefürchtet.
„Was dir geschieht, Mädchen, ist nicht so selten. Träume dieser Art sind ein Zeichen, dass es in deinem Leben Dinge gibt, die du nicht zuende gebracht hast.“
Ich starrte ihn an. Ich verstand nicht.
Dinge, die ich nicht zuende gebracht hatte?
Ich war noch jung, und mein Leben verlief bisher gleichmäßig, und man hätte es langweilig nennen können.
Der Mann lächelte still.
„Ich meine nicht dieses Leben“, sagte er und erhob sich.

Ich begriff.
„Oh, nein! Komm mir nicht mit diesem esoterischen Kram! Was soll das werden? Eine Rückführung? Wohin?“
Ich dachte an die lächerlichen Demonstrationen, die ich im Fernsehen gesehen hatte, bei denen Personen ihre Geburt noch einmal „erlebten“, um ein angebliches „Geburtstrauma“ aufzuarbeiten.
„Lass es uns versuchen, Mädchen!“ sagte er. „Wir haben nur diese Chance.“
Trotz meiner schlechten Verfassung brachte ich ein skeptisches Grinsen zustande.
„Du wirst kein Glück haben mit mir.“
Doch was hatte ich schon zu verlieren?
Er sah mich an. Seine blauen Augen kamen mir seltsam bekannt vor. Wo hatte ich sie nur gesehen? Er schien in meinen Gedanken zu lesen:
„ Nichts hast du zu verlieren, aber alles zu gewinnen...“
Er hielt einen Moment inne. Er schien zu zögern, doch dann sprach er es aus:
Möglicherweise wirst du Dinge sehen, die dich erschrecken.“

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass sich an einem Wendepunkt meines Lebens angekommen war. Erst Stunden später, als er mir die Videoaufnahmen der Sitzung zeigte, verstand ich.

***

Mit geschlossenen Augen saß ich da. Der Mann hatte seinen Platz neben meinem eingenommen.
„Wie ist dein Name?“
„Alina...Ich heiße Alina.“
“Wo bist du?”
„Ein Dorf...Hütten...Dächer aus Stroh...Berge...“
„Sind Menschen dort?“
„Ja...Menschen...Tiere...und...und...und...Kreaturen...“
„Kreaturen? Warum nennst du sie Kreaturen?“
„...sind nicht Mensch...nicht Tier...werden uns töten...“

Meine Lider begannen zu flattern, bevor ich die Augen weit öffnete, und ich sah nichts als Furcht und Schrecken darin. Ich begann, mich zu winden und den Kopf hin und her zu werfen. Meine Hände fuhren auf und ab, krallten sich in die Armlehnen des Sessels und dann in den Halsausschnitt meiner Bluse, rissen daran, als würde mir der Atem abgeschnitten.
Er ergriff sie, hielt sie fest und legte sie zurück in meinen Schoß.
„Beruhige dich, Mädchen! Dir kann nichts geschehen. Du bist sicher hier.“

***

Elf Höfe gehören zu der Ansiedlung, in der ich lebe, die erbärmlichen Katen der Tagelöhner, die etwas abseits stehen, nicht mitgerechnet.
Das Dorf schmiegt sich in ein Tal, das umgeben ist von sanften Hügeln und dichten Laubwäldern.
Um auf ihre winzigen Felder zu gelangen, auf denen sie Hafer, Hirse und Rüben ziehen, müssen die Bauern das Tal auf der einzigen, unbefestigten Straße verlassen, die sich bei Regen in grundlosen Morast verwandelt. Der Fahrweg führt einige Meilen durch hügeliges Gelände, bevor er die Ebene erreicht und in der in der Ferne der Marktflecken sichtbar wird, wo die Bauern an den Markttagen die kärglichen Erträge der Felder und Gemüsegärten anbieten und gegen Salz und die groben Wollstoffe eintauschen, aus denen sie ihre Kleidung nähen.

Hier lebe ich.
Leben?
Was für ein Leben ist das, wenn man alles verlor, was man liebte...
Ich verlor meinen Ehemann und meine Kinder... Sie sind tot. Ich habe sie nicht beschützen können, trotz der besonderen Gabe, die ich besitze. Ich habe das Unheil nicht kommen sehen, und als ich begriff, war es zu spät. Diese Schuld schleppe ich als niederdrückende Bürde mit mir durch die Tage und Nächte. Sie wird niemals getilgt sein.
Doch bin ich nicht die einzige, die Tote zu beweinen hat...

***

An einem trüben Herbstmorgen des letzten Jahres ging ich hinaus, um das Vieh zu füttern. Schon nach dem ersten Schritt in die neblige Kühle, spürte ich Bedrohliches. Mit den Augen suchte ich Berghänge ab und sah im Zwielicht, dass die sonst grünen Wiesen übersät waren mit grauen Felsbrocken.
Wo kamen sie her? Hatte es einen Erdrutsch gegeben in der Nacht, den wir nicht bemerkt hatten?
Still war es und unheimlich. Meine Phantasie gaukelte mir graue Kreaturen vor, die regungslos und stumm und Steinen gleich dort lauerten.
Ein namenloses Grauen griff nach mir, ließ mich dort unbeweglich und starr stehen, unfähig zu atmen oder zu schreien.
Ich erwachte aus meiner hölzernen Starrheit, als plötzlich Kommandos erklangen, mehr geknurrt als gerufen. Von einer brutalen Bedrohlichkeit und Grausamkeit waren sie, und eine panische Furcht ließ mich zurücklaufen in die Hütte, in der mein Mann und meine Kinder schliefen.
„Lauft!...Lauft!...schrie ich verzweifelt und aus aller Kraft, um gegen den ohrenbetübenden Donner der Trommeln und Hornsignale anzukommen.
Doch es war zu spät.
Schon an der Tür wurden sie niedergestreckt von den Pfeilen, die in furchtbarer Dichte und mit giftigem Rauschen herbeiflogen und alles durchbohrten, was versuchte zu entkommen.
Ich entging dem Tod nur, weil ich mich in der Hütte hinter der festen Eichentür versteckte. Als die Hütte zu brennen begann, schlich ich hinaus in das Grauen und versteckte mich hinter den Ställen.
Von dort aus musste ich sehen, wie Menschen erschlagen, erstochen und zertrampelt wurden. Über allem hing der Rauch der brennenden Hütten, das Schreien und Wehklagen der Geschundenen und Sterbenden und das ohrenbetäubende Schlagen der Trommeln, das die Angreifer zu immer neuen, noch grausameren Taten anstachelte. Ich bedeckte meine Ohren mit meinen Händen, um nicht die schrillen Schreie der Frauen und Mädchen hören zu müssen, denen sie Gewalt antaten, bevor man ihnen die Kehlen durchschnitt.
Ach, hätte ich doch auch den Tod gefunden!

Später fand ich meine Familie mit zerschmetterten Schädeln, auf einen Haufen geworfen zu einer großen Anzahl anderer Toter. Der Vater hielt unser jüngstes Kind noch im Arm. Selbst im Tod wollte er es wohl nicht verlassen.
Ich schloss ihm seine Augen, die blicklos in den grauen Herbsthimmel starrten. Niemals sollte ich den Anblick des blonden Kinderköpfchens vergessen, das sich wie Schutz suchend an die Schulter des Vaters schmiegte.

Die Horden der wilden Kreaturen, von denen wir nicht wussten, ob es vernunftbegabte Wesen oder wilde Tiere waren und wem sie folgten, war auf die üblichen Kommandos und Signale abgezogen, wohl in dem Glauben, dass alles Leben am Ort vernichtet war.
Die wenigen Überlebenden sammelten sich und begruben und beweinten ihre Toten.
Wenig später trafen Flüchtlinge aus den benachbarten Dörfern ein.
Notdürftige Behausungen wurden geschaffen, denn der Winter stand vor der Tür. Das Leben ging weiter und bekümmerte sich nicht um die Sorgen und die Not einer Handvoll verängstigter Menschen.

Ich wäre von nun an allein auf der Welt gewesen, doch da gab es Johannes, meinen lieben selbstlosen Freund Johannes, der ebenfalls wie durch ein Wunder am Leben geblieben war.
Er nahm mich auf in seiner Kate.
Ich kannte ihn schon mein ganzes Leben. Wir waren im selben Alter, Freunde und Vertraute aus Kindertagen.
Ich war die einzige, die sich nicht über ihn lustig machte, und ihn nicht wie alle „Buckelhansel nannte.
„He, Buckelhansel, lass uns auf deinem Buckel reiten!“ riefen die Kinder und rannten ihm nach, wenn sie ihn auf der Dorfstraße erblickten. Doch er lächelte nur gutmütig und watschelte auf seinen krummen Beinen davon.
Johannes war zu allen freundlich und hilfsbereit und konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Der wache Blick seiner blauen Augen zeugte von einem regen Verstand, und so war es nicht absonderlich, dass er sich in seinem verkrüppelten, missgebildeten Körper wie in einem Gefängnis fühlte. In seinen Träumen sah sich Johannes als kräftigen, gesunden Burschen, doch aus dieser Illusion erwachte er sehr schnell, wenn sich sein Abbild im Wasser des Dorfteiches wiederspiegelte.
Er hatte Glück, dass er in diesem abgeschiedenen Landstrich lebte. In anderen Gegenden verfolgte man missgestaltete Menschen wie ihn, weil man sie für Teufelswerkzeug hielt.

Johannes liebte mich so innig, dass ihn zuweilen schwindelte, wenn er an mich dachte, aber niemals im Leben würde er mir seine Liebe gestehen. Was sollte ich mit einem Krüppel, wie er es war? Er war ein landloser, hässlicher Habenichts, dessen armselige Kate eher einem Schweinekoben glich.
Doch er würde für mich sterben, wenn es notwendig war.
So verzehrte er sich vor Sehnsucht nach mir und wusste doch, dass er sich damit sein Leben vergiftete. Das alles wurde mir sehr schnell klar, wenn ich ihn ansah und er sich unbeobachtet fühlte. Doch er ließ mich nie spüren, wie sehr erlitt.

Ich vertraute ihm ohne Bedenken meine Kinder an. Auch für sie hätte er sein Leben gegeben.

Johannes...mein Bruder...mein Freund...mein Vertrauter...mein Lehrer...

***

„Wollen wir eine Pause machen, Mädchen?“ hörte ich die Stimme des Mannes. Er stellte den Videorecorder ab und setzte sich wieder zu mir.
Mein Gesicht war nass von Tränen.
War das meine Vergangenheit? Wenn es so war, dann stellte das meinen Begriff von Zeit und Leben ganz und gar auf den Kopf.
Doch woher sollte ich diese Einzelheiten nehmen, wenn nicht aus meiner Erinnerung?
„Ich sprach von einer Gabe,“ sagte ich nach einem tiefen Atemzug.
„Bin ich eine ...Hexe gewesen?“
Seine Augen sind so blau wie der Himmel, dachte ich.
„Nein, eine Hexe warst du nicht. Du besaßest starke innere Kräfte, die einiges bewirken konnten, das anderen Menschen nicht gegeben ist.“
„Woher hatte ich diese Gabe?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass du sie auch jetzt besitzt. Sie ist in der Zeit nicht verlorengegangen.“
Ich war verwirrt. Was sagt er da?
„Woher weißt du, dass ich sie besitze?“ fragte ich ungläubig.
„Vielleicht beobachte und fühle ich stärker als andere Menschen...“ antwortete er.
Er wandte sich ab, setzte sich dann wieder zu mir, nachdem er die Abspieltaste des Videorecorders betätigt hatte.


***

Ich stehe mit Johannes im Schutz einer Baumgruppe. Kunde ist zu uns gedrungen: Es droht uns neue Gefahr. Seit uns diese Nachricht ereilte, haben wir Vorkehrungen getroffen. Wir sind wachsam und bewaffnet. Das Unheil soll uns nicht unvorbereitet treffen. Wenn wir sterben, dann im Kampf und nicht ergeben und wehrlos wie Schlachtvieh.
Immer wieder lassen wir die Augen über die Berghänge streifen.
Ich breche die Stille: „Johannes, woher habe ich die Gabe?“
„Ich weiß es nicht, Alina,“ antwortet er nach kurzem Schweigen.
„Woher weißt du, dass ich sie besitze?“ frage ich weiter.
Er zuckt die Schultern. „Vielleicht beobachte und fühle ich stärker als andere Menschen.“
Wieder Schweigen.
„Sie hat mir nicht genützt, als meine Familie starb,“ sage ich bitter. „Sie hat mich verlassen.“
„Nein, das hat sie nicht! Du wirst sie spüren, wenn du sie brauchst, und du wirst wissen, wie du sie gebrauchen kannst. Vertrau mir!“
Ja, ich vertraue ihm, wie ich es immer tat.

Eine kaum wahrnehmbare Bewegung auf dem gegenüberliegenden Abhang zieht meine Aufmerksamkeit auf sich.
„Johannes!“ flüstere ich, und er folgt meinem Blick mit den Augen.
Sie sind wieder da...
Wie graue Steine liegen sie auf dem Hügel, ohne Bewegung, ohne Lebenszeichen. Jetzt erst fällt mir die unheimliche Stille auf, die sich über das Land gelegt hat. Selbst die Vögel sind verstummt und ebenso das Rascheln der Blätter im Gesträuch. Namenloses Grauen greift nach mir, lässt mich erstarren, so dass mich Johannes am Arm packt und mit sich zieht.
„Sie kommen!“ ruft er, und sein Schrei reißt die Menschen aus ihren Tätigkeiten.
Doch jeder kennt seinen Platz und seine Aufgabe.
Die Kinder werden mit dem Gebot, still zu sein, an einen sicher scheinenden Ort hinter den Hütten gebracht. Waffen werden ausgeteilt. In den letzten ruhigen Monaten haben wir Bögen und Pfeile gefertigt und Äxte und Speere und Rüstungen geschmiedet und uns in ihrer Handhabung geübt. Ich erlernte den Umgang mit dem Bogen, und die meisten meiner Pfeile finden treffsicher ihr Ziel.
Sollen sie nur kommen!
Wir werden sie gebührend empfangen!
Meine Hände zittern.
Ich fürchte mich.
Einziger Halt ist der Blick in die blauen Augen meines Freundes, meines Bruders.
Johannes, mein Bruder, gib acht auf dich...

Ein schrilles Trompetensignal zerreißt die Stille und lässt uns zusammenfahren, obwohl wir es erwartet haben. Laute, herrische Kommandos durchschneiden die klare Luft und Trommeln geben donnernd den Rhythmus vor, in dem sich nun Hunderte Fußpaare stampfend bewegen. Die Erde bebt unter schweren Tritten.
Wir haben uns am Rand des Dorfes aufgestellt, suchen Deckung hinter den kleinsten Mauervorsprüngen und erwarten den Ansturm.
Johannes schreitet die verborgene Phalanx der Bogenschützen ab, spricht hier und da aufmunternde Worte, lächelt diesem oder jenem ermutigend zu.
Johannes...mein Bruder...
Wie selbstverständlich hat er das Kommando übernommen.
„Lasst sie näher herankommen! Vergeudet nicht einen Pfeil!“

Schneller werden die Tritte der heranstürmenden Horden, lauter und schärfer die geknurrten Kommandos. Keine blanke Rüstung blinkt in der Sonne. Die schmutziggrauen Felle der Kreaturen schlucken jedes Licht.

„Pfeile looos!“ ruft Johannes, und seine Stimme übertönt hell und klar den Lärm der anstürmenden Streitmacht.
Im niederprasselnden Pfeilregen, und als die ersten fallen, kommen die vorderen Reihen der Angreifer zum Stehen, doch nur für einen Augenblick, denn die Nachfolgenden drängen und stoßen sie voran, und wer sich nicht schnell genug vorwärtsbewegt, wird überrannt und niedergetrampelt.
Das alles geschieht in völliger Schweigsamkeit. Die Soldaten, von denen wir nicht wissen, sind sie Menschen oder Untiere, geben im Kampf keinen Laut von sich. Gleichmütig und grausam schwingen sie im Laufen ihre Äxte und Keulen, die darauf warten, unsere Schädel und Knochen zu zertrümmern. Der ohrenbetäubende Lärm wird einzig verursacht durch den aufpeitschenden Rhythmus der donnernden Trommeln und die gebrüllten Kommandos.
Um freies Schussfeld zu haben, müssen wir aus unserer Deckung heraustreten, und auch ich schieße Pfeil um Pfeil ab und erkenne mit erschreckender Klarheit, dass ich töte. Die Reihen der Kreaturen lichten sich, doch auch neben mir fallen die Männer und Frauen, deren Mut sich im Angesicht des Todes vervielfacht hatte.

Kurz bevor uns die um ein beträchtliches dezimierten Angreifer erreichen, ertönt schrill ein Hornsignal.
Johannes ist der erste, der begreift: „Sie ziehen sich zurück!“
Und tatsächlich kommen sie zum Stehen, wenden sich um und laufen die Hänge hinauf, wo sie zwischen Bäumen und Gesträuch verschwinden.
„Wir haben gesiegt!“ rufen wir, umarmen uns, tanzen und können unser Glück nicht glauben.
„Sie werden sich sammeln und zurückkehren,“ sagt Johannes leise zu mir. „In zehnfacher Stärke werden sie zurückkehren.“

Wir bergen unsere Toten und Verletzten, von denen einige den kommenden Morgen nicht erleben werden.
Die Neugier treibt uns hinaus auf das Vorland des Dorfes. Wir wollen die Tiermenschen von nahem sehen.
Sie liege da mit verdrehten Gliedmaßen, starren uns mit ihren gebrochenen Augen an und sehen noch im Tode grausam aus.
Ich gehe hierhin und dorthin, streife diesem oder jenem die Fellkapuze vom Kopf und erkenne: Es sind Menschen...Was hat man ihnen angetan?...Wer hat ihnen dieses Schicksal aufgebürdet?...

„Kommt hierher!“ höre ich einen Ruf.
„Kommt hierher! Hier ist einer am Leben!“
Ich renne zu der Ansammlung der Dorfbewohner, die sich um einen verkrümmt am Boden Liegenden versammelt haben. Er hat die Augen geschlossen, doch seine Brust hebt und senkt sich. In seine Brust steckt über dem Herzen ein Pfeil, den ich nur allzu gut kenne. Er trägt mein Zeichen, denn ich habe ihn gefertigt und abgeschossen.
Ehe ich mich gefasst habe, um etwas zu sagen oder eine Hand zu rühren, treffen ihn die ersten Tritte der zornigen Menge. Sie treten ihn gegen den Leib, den Kopf, die Beine. Ein Mann zieht mit brutaler Gewalt den Pfeil aus der Brust des Verwundeten, indem er sich mit dem Fuß an dessen Schulter abstützt. Die Pfeilspitze hinterlässt eine große Wunde, aus der es zu bluten beginnt.
Der Gefangene gibt ein tiefes, heiseres Stöhnen von sich, und die Menge johlt.
Ich erkenne sie nicht wieder. Sie sind Nachbarn, Freunde fast, und viele kenne ich seit meiner Geburt. Doch jetzt sind sie nichts als rasende Teufel im Blutrausch, von Hass erfüllt und unfähig, Mensch zu sein.
„Hört auf!“ schreie ich, als ich seine Knochen knacken höre.
„So hört doch auf!“
Johannes legt einen Arm um mich, zieht meinen Kopf an seine Schulter, so dass ich mein Gesicht verbergen kann.
„Sie können dich nicht hören. Sie sind taub und blind von ihrem Hass.“
Ich stoße ihn zur Seite und bahne mir den Weg durch die Menge, rücksichtslos, und es ist mir gleich, dass einige von der Wucht meiner ungestümen Bewegungen getroffen werden und fallen.

Johannes ist mir gefolgt. Er kniet an meiner Seite.
Vor mir liegt nichts als ein blutiger Klumpen, dessen Atem sich rasselnd einen Weg in die Lungen sucht.
„Was haben sie dir angetan?“ flüstere ich, und meine Wangen sind nass von meinen Tränen. Warum weine ich um jemand, von dem ich bis eben nicht wusste, ist er Mensch oder Wolf?
Ich streiche sanft über seine blutige Stirn. Als er die Berührung spürt, hebt er die Lider. Gleichmut und Ergebenheit in sein Schicksal erkenne in diesem leuchtenden Grau, das sich in meinen Augen festsaugt. Seine Lippen formen tonlose Laute, doch ich versteh ihn. In seinen Augen steht in diesem Augenblick ein stummes Flehen: „Hilf mir!“
Ein Stoß lässt mich das Gleichgewicht verlieren.
„Kommt, Leute, schaffen wir ihn ins Dorf!“ höre ich.
Schon ist die Menge über ihm, versucht ihn wegzuzerren.
„Er ist zu schwer. Holt ein Pferd!“
Und so binden sie ihn mit den Füßen voran an den Sattelknauf eines Pferdes. Ein Schlag auf das Hinterteil lässt das Pferd in Trab verfallen.
Der Verwundete wird über den Boden geschleift. Seine Kleidung hat sich nach oben verschoben, so dass sein bloßer Rücken über den Schotter des Weges schleift.
„Johannes...Johannes...Hilf ihm! Was soll ich tun...?“
Mein Freund hält mich im Arm und streicht über mein Haar.
„Jetzt kannst du nichts tun, mein Mädchen. Aber deine Zeit wird kommen...“flüstert er.

Im Dorf spannen sie den bewusstlosen, geschundenen Körper auf einen Bock in der Schmiede. Dort finden sie alles, was nötig ist, um einen Leib zu quälen.
Der Gefangene keucht mühsam. Das Atmen fällt ihm schwer. Ein rotes Rinnsal läuft aus einem Mundwinkel über sein Kinn und tropft von dort auf Hals und Brust.
Die umstehenden Peiniger freuen sich über seine Qual. Jedes Stöhnen ist wie ein Lied in ihren Ohren und jedes Zucken des gepeinigten Körpers ist ein Geschenk.
Der Älteste des Dorfes tritt zu ihm und bindet ihn los. Er trägt noch immer die blanke Rüstung. Vielleicht gefällt er sich in der Rolle des Kriegers.
Der Gefangene fällt mit einem dumpfen Laut auf den harten Boden aus gestampftem Lehm.
Sie zerren ihn hoch, wollen sehen, wie er zusammenbricht, und sich an seiner Schwäche erfreuen.
Mit Johannes stehe ich in einem Winkel, habe die Hände vor der Brust so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel meiner Finger weiß werden.
„Johannes, was soll ich tun?“ flüstere ich.
Er sieht mich an, und plötzlich weiß ich es...
Ich schließe die Augen, ziehe mich ganz in mich selbst zurück und sehe ihn in meinen Gedanken, wie er aufrecht und fest auf seinen Beinen steht, ohne zu wanken. Ein Gefühl der Wärme fließt durch meinen Körper. Ich weiß nicht, ob ich ihn erreichen kann, doch schicke ich ihm dieses Bild, denn Worte wird er nicht verstehen.
Und dann...erhebt er sich, mühsam und unter Schmerzen... bricht wieder in die Knie... versucht es erneut...und...steht.
Mein Herz schlägt in meiner Brust wie ein gefangener Vogel.
„Bleib stehen!“ flüstere ich. „Bleib stehen!“

Ein Raunen geht durch die Menge der Umstehenden. Doch ihre Verblüffung währt nur einen kurzen Augenblick. Sie stürzen sich auf ihn, binden ihm die Hände auf dem Rücken und stoßen ihn vorwärts.
Und er? Er geht und mit jedem Schritt wird sein Gang sicherer und sein Rücken aufrechter. Einen Fuß setzt er vor den anderen, und ich begleite ihn mit meinen Gedanken, bemüht, ihm Kraft zu einzugeben, denn ich spüre seine Furcht, die er so tapfer verbirgt.
Ich weine.
Ich fühle die Anstrengung, die ihm jeder Schritt abverlangt. So zu gehen...Mit zerschlagenen Knochen und der Wunde über dem Herzen...

So schreitet er aufrecht zur Richtstätte, umgeben von fünf Wächtern.

Auf dem Dorfplatz haben sie einen Strick mit einer Schlinge über den stärksten Ast der alten Linde geworfen. Ein Wagen wird herbeigezogen und der Gefangene hinauf gestoßen.
Ein Mann legt ihm die Schlinge um den Hals, doch ohne ein Zeichen von Furcht steht der Gefangene fest auf seinen Beinen. Gleichmut ist in seinen Zügen. Er sah wohl schon viele auf diese Weise sterben und weiß, dass es schnell vorbei sein wird. Vorbei alle Qualen, alle Schmerzen. Vorbei dieses unwürdige Leben...
Ich allein sehe, dass er zittert.
Ich weine.

Sein Blick gleitet über die Ansammlung gaffender Menschen.
Unsere Augen treffen sich. Ich halte ihn fest mit meinem Blick.
„Fürchte dich nicht!“ sagen meine Augen.
Ich stehe starr und sehe nichts anderes mehr als ihn und seine Augen, die blaugrau sind und klar wie die eines Kindes.
Meine ganze Kraft lege ich in einen Gedanken, der zu ihm fliegt und als meine Stimme in ihm wiederhallt:
„Ich komm und hol dich!“
Als ich das trockene Knacken wahrnehme, mit dem sein Hals bricht, sinke ich auf dem Boden zusammen und bin nichts mehr als ein zitterndes Bündel.
Das begeisterte Johlen der Menschen höre ich nicht mehr.

Wenig später hat sich die gaffende Menschenmenge zerstreut.

Im Schutz der Dunkelheit schleiche ich mit Johannes zur Richtstätte.
Der Mann liegt gekrümmt und reglos auf der Erde. Eine barmherzige Seele hat ihn abgeschnitten.
Wie sollen wir ihn fortbringen? Er ist groß und schwer.
Doch in Johannes wohnen Kräfte, die man seinem schmächtigen, verkrüppelten Körper nicht ansieht. Er schleift den leblosen Mann über den Dorfplatz und durch einen Seitenweg bis hin zu seiner Kate am Dorfrand, wo wir ihn auf ein Lager betten.
„Er ist tot, Johannes,“ sage ich.
„Ja, so scheint es.“
„Was soll ich tun, Johannes?“
„Ich weiß es nicht. Du weißt es.“
Nach seinen letzten Worten, wendet er sich um und verlässt die Kate. Ich bin allein mit einem Toten.

Zögernd nähere ich mich seinem Lager.
Was soll ich nur tun?
Ich beuge mich hinunter, nehme sein Gesicht in meine Hände und betrachte es. Es sieht so friedlich und ruhig aus, als schliefe er nur. Selbst der Todeskampf hat es nicht entstellen können. Ich streiche mit beiden Händen über sein dunkles Haar bis hinunter zu seinem gebrochenen Nacken.
In meinen Fingern beginnt ein Summen und Vibrieren, das meine Arme hinauf kriecht und von dort meinen ganzen Körper erfasst.
Ich kann nicht deuten, was geschieht, doch ich fühle mich stark und mächtig.
So lasse ich all meine Energie und meine Lebenskraft in diesen fremden Körper hineinfließen, und ich weiß, dass ich das Richtige tue. Mit halbgeschlossenen Augen sehe ich, wie es in seinem Körper zu pulsieren beginnt.
Ist es das Leben, das zurückkehrt?
„Komm wieder! Komm wieder!“ flüstere ich zunächst, doch dann wird meine Stimme lauter und eindringlicher: „Komm wieder!“
Ich sehe kaum merkliche Bewegungen seiner Finger, und als ich, wieder über ihn gebeugt, mein „Komm wieder!“ dicht an seinem Ohr sage, streift ein Atemhauch meine Wange. Einen Augenblick halte ich inne, lege dann meine Wange an seine Brust und höre sein Herz schlagen, kaum wahrnehmbar und unregelmäßig, doch es schlägt. Ich bin ganz sicher.
„Komm wieder!“ sage ich leise. „Ich bin da...“

Ich bin erschöpft. Eine Zeitlang sitze ich an seiner Seite und beobachte, wie sich hin und wieder eine Schatten über seine Züge legt. Er hat Schmerzen.
Seine Wunden...Es wird Zeit, dass ich mich um seine Wunden kümmere...
Auf meiner Schulter spüre ich den leisen Druck einer Hand. Johannes...
Er stellt einen Korb auf den Boden.
„Ich habe einige Dinge gesammelt, die du vielleicht brauchen wirst,“ sagt er und verlässt gleich darauf die Kate.
Warum lässt er mich allein? Ist es ihm nicht erlaubt zu sehen, was ich tue? So wird es wohl sein...

Aus den Wurzeln, Kräutern und Blättern, die Johannes gebracht hat, koche ich einen Sud nach dem anderen. Dabei murmele ich unablässig Worte, die ich nicht verstehe und die ich nicht kenne. Doch sie kommen aus mir, fliegen mir zu.
Die Wunde über dem Herzen macht mir Sorge. Sie ist schwarz geworden und viel zu groß, als dass jemand damit überleben könnte.

Die nächsten Tage bringen mich an den Rand der Erschöpfung.
Ich wasche mit den Tinkturen seine Wunden, verbinde sie, beginne immer wieder von vorn und widme meine besondere Aufmerksamkeit der großen Wunde in seiner Brust, deren Verband ich feucht halte, indem ich ihn mit einem Sud aus der Wurzel eines seltenen Strauches begieße. Damit die zerbrochenen Knochen heilen und sich wieder zusammenfügen, flöße ich ihm den Saft aus der Rinde eines Baumes ein, dessen Namen ich nicht kenne.
Ich weiß nicht, woher ich mein Wissen nehme. Es ist einfach da.
Oft stöhnt er leise vor Schmerzen, doch ist dies ein Zeichen, dass er lebt.
Johannes lässt sich nur sehen, um mir Nachschub an Kräutern zu bringen, und so schnell, wie er kam, verschwindet er wieder.

Tag für Tag sitze ich an der Seite des Mannes, dem ich den Namen Callon gab. Er flog mir aus einer fremden alten Sprache zu, und ich kenne seine Bedeutung: Der Kämpfer...
Im flackernden Licht des Herdfeuers betrachte ich ihn... Meine Augen sind müde, und so lege ich meinen Kopf auf seine unverletzte Schulter, das Gesicht in der Beuge zwischen Schulter und Hals und lausche seinem Atem.
Ich schlafe ein...

Eine Bewegung seines Kopfes und ein Stöhnen wecken mich.
Callons Lider sind noch geschlossen, doch sie flattern, als mühte er sich, die Augen zu öffnen.
„Wach auf!“ flehe ich.“ Wach doch auf!“
Er knirscht vor Schmerz, als er versucht, seinen Kopf zu drehen, und versinkt erneut in seine Dunkelheit, die ihm die Schmerzen nimmt.
Wieder wasche ich seine Wunden, denn anderes kann ich nicht tun. Ich weiß, dass der Sud scharf ist und in den Wunden brennt. Doch jeder schmerzvolle Laut ist ein Zeichen des zurückkehrenden Lebens.
„Wach auf!“
Plötzlich öffnet er die Lider und sieht mich an. Wir sehen uns in die Augen, halten uns fest aneinander und können den Blick nicht wenden. Ich sehe in ein klares blaues Grau, versinke darin, küsse seine Stirn und seine Augen und flüstere an seinem Ohr: „Schlaf, Callon, schlaf! Ich bin bei dir, und ich verlasse dich nicht.“

Tage werden zu Wochen und Wochen zu Monaten. Ich habe nicht gezählt, wie oft Sonne und Mond aufgegangen und wieder untergegangen sind. Tag und Nacht bin ich bei ihm, wenn er schläft und wenn er wach ist, gebe ihm zu essen und zu trinken und halte ihn in meinen Armen.
Ich stütze seinen Rücken, dass er sich aufrichten kann.
Er sieht mir zu, wenn ich die tägliche Arbeit verrichte, und ich blicke ihn an und bin so froh wie lange nicht mehr.
Er kommt zu Kräften, auch wenn sein Körper noch schmerzt.
Als er aufstehen kann, führe ich ihn hinaus in den sonnigen Tag, und niemand mehr erkennt den Gefangenen in diesem Mann.

Ich liege bei ihm in dieser schönen Nacht. Die Sterne schauen von einem dunkelblauen Himmel zur geöffneten Tür zu uns herein.
Das schüchterne Staunen eines Kindes ist in seinem Gesicht, als er mich im Licht des Mondes betrachtet. Scheu und sanft folgt seine Hand den Linien meines Körpers und wird kühner, als er merkt, wie gut mir seine Berührungen tun.
„Callon, mein Liebster...“ flüstere ich und gebe ihm zärtliche Namen...
Spät in der Nacht betrachte ich ihn, wie er schläft. Ich streiche mit dem Finger über seine dunklen Augenbrauen und küsse ihn.

Ab und zu kommt Johannes zu uns.
„Gib acht, Mädchen, dass du ihn nicht wieder verlierst!“ sagt er, und sein Gesicht ist voller Sorge. Doch ich bin zu glücklich, um ihn zu verstehen..

Nicht lange danach, an einem schönen Sommertag, kehrt das Unheil zurück.
Es kommt mit dem Dröhnen der Trommeln, mit gebrüllten Kommandos und mit dem Stampfen der anrückenden Kreaturen.
„Sie kommen zurück!“ schallt der Schrei des Entsetzens durch das Dorf. Wir waren zu sorglos, und so werden wir dem Angriff ausgeliefert sein. Es ist zu spät, zur Flucht oder sich zu verstecken.
Callon hört die bekannten und verhassten Signale, die auch ihn herrisch in den Kampf rufen. Er wird ihnen nicht folgen.
Ich stehe schon an der Tür, warte auf ihn, und ich bin voller Angst.
„Callon, komm! Wir müssen weg!“
Ich laufe zu ihm, umarme ihn und drücke meine Lippen auf seine Lippen.
„Auf ewig!“ flüstere ich an seinem Ohr und gehe voraus, in der Annahme, er würde mir folgen.
An der Tür werde ich von groben Händen ergriffen, die mich festhalten und wegzerren. Ich schreie und tobe, doch sie sind stärker.
Das letzte, was ich sehe, ist ein Kämpfer in einem Fell und mit einer Axt, die er gegen Callon erhebt und niederfallen lässt.

„Callon!“
Langgezogen und verzweifelt und voller Entsetzen ist mein Schrei.

Wir werden auf dem Platz in der Mitte des Dorfes zusammengetrieben. Alle sind hier: Die Männer, die Frauen, Alte, Junge und die Kinder.
Johannes ist immer neben mir, stützt mich, denn ich habe all meinen Mut verloren.
„Ist er tot, Johannes? Ist er tot? Er ist nicht tot, nicht wahr?“
Johannes antwortet nicht. Er streicht mir nur wortlos über das Haar.

Die fremden Kämpfer in ihren Fellen haben uns umzingelt und einen undurchdringlichen Ring um die zitternden Menschen gebildet.
Noch immer dröhnen die Trommeln.
Dann ist plötzlich Ruhe.
Doch nur für einen Augenblick...
Auf ein geknurrtes Kommando legen die Kreaturen die Pfeile in die Bögen und spannen sie...
Mein Blick sucht die Umgebung ab. Doch er ist nicht da.
„Callon, komm und hol mich!“
Doch ich erhalte keine Antwort auf meinen Gedanken, den ich ihm schicke.

Unter dem ersten Pfeilregen fallen viele, doch Johannes und ich stehen noch aufrecht, und wir erwarten den Tod, der uns mit der nächsten Salve ereilen wird.
Ein neues Kommando, und dann kommt er, der todbringende Schwarm gefiederter Pfeile, und ich höre ihr hinterhältiges Sirren und ihr giftiges Rauschen.
Mit einer blitzschnellen Bewegung schiebt Johannes seinen Körper vor meinen, deckt mich, wird getroffen, dreht sich im Fallen und begräbt mich unter sich.
Sein Gesicht ist über mir. Aus seinem Mund rinnt Blut in dünnen Fäden, und mühsam formen seine Lippen seine letzten Worte:
„Lieg ganz still, Mädchen!“
Johannes, mein Freund, mein Bruder...

Ein leises Wimmern dringt an mein Ohr.
Unter dem Körper seiner toten Mutter liegt ein Kind, wenige Wochen alt. Vorsichtig strecke ich den Arm, ergreife es an seinem Jäckchen, ziehe es zu mir herüber und bedecke es mit meinem Rock.
„Schh, schh, sei schön still!“ flüstere ich.
Als würde es mich verstehen, verstummt es.
Die Soldaten gehen durch die Reihen der toten, stoßen hier und da mit dem Fuß gegen die Leichen, und wo sie noch Leben finden, lassen sie die Axt niedersausen. Niemals werde ich das Geräusch der brechenden Schädel vergessen.
An mir gehen sie vorbei.

Im Schutz der Nacht krieche ich mit dem Kind im Arm vorsichtig unter dem Leichenhaufen hervor. Niemand ist mehr da, die Toten zu bestatten.
Auf Knien erreiche ich die Hügel und den Wald, vorbei an den zu Stein Erstarrten und vorbei am Gasthaus, in dem die Kommandanten ein Gelage feiern.
Als ich weit genug weg bin, erhebe ich mich, erklimme den Hügel und blicke zurück. Tränen drängen unter meinen Lidern hervor, doch ich habe keine Zeit zu weinen.
Ich drücke das Kind an meine Brust und sehe hinunter auf das Dorf. Der Lärm aus dem Gasthaus dringt bis zu mir, und ich fühle, wie unendlicher Zorn in mir aufsteigt und mit ihm eine grausame Kraft.
Starr stehe ich. Meine Augen brennen.
Ein Blick von mir – und die Riegel der Türen schließen sich mit lautem Knacken...
Ein weiterer Blick – und die Läden der Fenster fallen mit einem Krachen zu...
„Gefangen seid ihr... Brennen sollt ihr...“ flüstere ich.
Der nächste Blick – und die ersten kleinen Flammen fressen sich in das strohgedeckte Dach. Bläulich züngeln sie empor, bevor sie gelb und rot auflodern.
Ich wende mich ab und gehe mit meinem Kind davon.
Die Krieger kümmern mich nicht. Ohne ihre Kommandos und Trommeln können sie kein Unheil anrichten. Vielleicht werden sie zu Stein, in Wind und Regen verwittern und zu Staub zerfallen.

Lange wandere ich.
Über Ebenen und Berge, durch Wälder und über Felder.
Bei barmherzigen Menschen kann ich mir hier und da ein wenig Essen für mich und das Kind verdienen.
In stillen Stunden erreicht mich ein seltsamer Gesang, und nur ich kann ihn hören:

„als wir uns begegneten,
dort wo die Dünen stehen
an einem blauweißen Meer
inmitten der Gischt
da war es, als wäre die Welt
nur für uns beide da.

Doch wurde unser eigenes Leben
der Erschütterung gewahr und du
liessest ab von mir und liefst
und deine Spuren verloren sich
in den Wellen, die noch zuvor uns
erfreuten.

Ich lief dir nach,
ich rief dich
doch du warst weg.

Verlassen stand ich da, bar jeder Hoffnung.
Doch folgte ich dir, und rief dich, umtosst von
jener feindlichen Welt.
In den Bergen rief ich und blecherne Echos drangen
statt deiner süßen Stimme an mein Ohr

Der Wald liess kurz alles verstummen,
doch auch hier warst du nicht.

Die Wüste durchzog ich, erstieg jeden Baum, der
kärglich und allein stand. Ich schaute und rief
doch du warst bereits fort.

Ich schlich mich in die Höhlen der Drachen, der Wölfe, Löwen, Bären. doch sie kannten dich nicht. Hatten dich nur kurz erblickt.

Drum wandere ich durch die höllischen Sphären, die höchsten Gipfel und wende mich
immer wieder dir zu.

In der Hoffnung steckt meine Seele und ich erwarte sehnsüchtig
dein Bild, dein Leben und ganz dich.“

Dann flüstere ich: „Callon, bist du das? Wo bist du?“
Eine Antwort erhalte ich nie.

Ich wandere, bis ich das Meer erreiche.
Nun lebe ich hier in einer bescheidenen Kate. Wir sind arm, doch ich tu, was ich kann.
Dort drüben auf der Wiese spielen meine Söhne.
Das jüngere Kind hat die blaugrauen Augen seines Vaters.

***

Der Bildschirm wird dunkel. Das Videoband ist zuende.
Benommen sitze ich in meinem Sessel. Ich zupfe an meinem Taschentuch, dass nass ist von meinen Tränen.
Lange sitzen wir so und schweigen.
„Weißt du nun, was unerledigt blieb?“ höre ich die Stimme des Mannes.
„Ja, ich muss ihn suchen. Irgendwo da draußen ist ein Mann mit diesen Augen.“
„Und gib acht, Mädchen, dass du ihn nicht verlierst...“

Ich erstarre.
„Du bist Joha...“
Er verschließt mir mit seiner Hand die Lippen.
„Lass es ruhen! Es ist lange her.“

Er bringt mich zur Tür.
Ich umarme ihn und sage: „Danke...Ich danke dir...“
„Ich danke dir,“ antwortet er.
Dann schließt er die Tür.

Ich bin zu erregt und zu benommen, um jetzt mit dem Auto fahren zu können. Meine Füße schlagen wie von selbst den Weg zur Ubahn-Station ein. Es ist schon Abend, und die Menschen beeilen sich, nach Hause zu kommen.
Viele Gedanken habe ich, als ich in der U-Bahn sitze. Vor dem Fenster gleiten ab und zu winzige Lichter vorbei.
Callon, denke ich, wo bist du?
Aus der Ferne höre ich die Durchsage: „Die U-Bahn U17 hält jetzt bei U-Bahnhaltestelle Bismarckstraße“.
Ich erhebe mich von meinem Platz und steige aus, als sich die Türen öffnen.
Der Bahnsteig ist menschenleer bis auf einen großen, breitschultrigen Mann mit dunklem Haar, der ebenso wie ich zur Treppe und zum Ausgang läuft.
Sein Gang und seine Haltung kommen mir seltsam bekannt vor.
„Gib acht, Mädchen, dass du ihn nicht wieder verlierst!“ höre ich eine Stimme in mir.
Ich folge ihm die Straße entlang.
„Dreh dich um! Ich bin hier!“ Diesen Gedanken schicke ich ihm, und in diese Botschaft lege ich meine ganze Kraft.
Er geht noch zwei unsichere Schritte und bleibt dann stehen. Langsam wendet er sich mir zu.
Ich trete nahe an ihn heran, blicke in seine blaugrauen Augen und sage leise:
„Auf ewig!“
„Auf ewig!“ antwortet er.


ENDE
©Anika/Lykaon
6.11.06


Zuletzt modifiziert von Anika am 18.03.2008 - 10:36:26


Piet

Mitgliedschaft beendet
2    Freitag, 18. Mai 2007 um 22:39 Uhr
      

Hey Anika,

ich könnte jetzt versuchen dir hochtrabende Worte zu senden und deine Geschichte auseinanderzurupfen, dir einzelne Passagen die ich gut fand zu unterstreichen oder ähnliches. Aber davon hab ich keine Ahnung.
Dafür lese ich aber gerne Fantasy-Bücher und generell alles wo Krieger und Unwesen vorkommen Smilie
Ich fand deine Geschichte großartig, wirklich. Besonders das Zusammenspiel von Heute und vergangenheit hatte schon "Hohlbein-Format" Smilie
wirklich toll geschrieben :knuddel:



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Anika

Mitgliedschaft beendet
3    Freitag, 18. Mai 2007 um 22:42 Uhr
      

Vielen Dank, Piet.
Ich freu mich.:knuddel:


      

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