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[Story] Erlösung


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Anika

Mitgliedschaft beendet
1    Dienstag, 03. Juli 2007 um 22:51 Uhr
      

Erlösung

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin.
Ich hab es vergessen wie meinen Namen. Vielleicht erinnern sich die Alten des Dorfes an längst vergangene Begebenheiten und an die Gründe dafür, dass ich ruhelos und körperlos die Dünen, den Strand und die Klippen durchstreife.
Ich habe es vergessen...

Zeitspannen sehe ich kommen und vergehen, und manches Mal erscheint es mir, als liefe ich einen Pfad entlang, der mich durch die Wechsel der Jahreszeiten treibt. Wo eben noch der Frühling die Natur in lichten Farben erwachen lässt, herrscht im nächsten Augenblick sommerliche Hitze mit dem harzigen Duft der Kiefernwälder. Doch dann sehe ich schon die leuchtenden Farben des Herbstes und atme den unverwechselbaren Duft des Vergehens, in dem ich mich wiederfinde, bevor die eisige Kälte des Winters das Land und das Meer umklammert.
Ich spüre weder Hitze noch Frost.

Die Menschen meide ich, denn zu oft habe ich sie geängstigt, wenn ich mich zeigte. So entstand die Sage von der Fee, die schön ist und doch schrecklich, die in den Dünen tanzt und auf Erlösung wartet.
Erlösung wovon? Niemals sprechen sie darüber, was einst geschah. Verstört murmeln sie Gebete und Segenssprüche, als gelte es, ein Unglück fernzuhalten.

Allein bin ich am Meer, wenn die Nacht dunkle Geborgenheit über das Land legt.
Es ist die Stunde, in der es mich zu den geborstenen Resten des gestrandeten Bootes zieht.
Lang muss es her sein, dass dieses Boot von den Wellen an den Strand geworfen wurde. Das Holz ist in Jahren verwittert, und Wind und Sturm haben es beinahe bis zur Gänze im lockeren Sand begraben.
Ein Wiederhall der Erinnerung klingt in mir, wenn ich über die gesplitterten Balken streiche. Ein Gefühl lässt mich erstarren. Unbändige Sehnsucht nach längst vergessen geglaubten Empfindungen aus früheren Tagen sucht mich heim, wie ich sie wohl spürte, als ich einen Körper besaß.

Ja, einst muss ich geliebt haben.
Hier an diesem Ort empfinde ich es so deutlich wie nirgendwo sonst. Sehnsucht überrollt mich. Sehnsucht nach einem warmen, starken Körper, an den ich mich lehne, Sehnsucht nach zwei Armen, die mich halten und mir Schutz geben, Sehnsucht nach geflüsterten Worten an meinem Ohr: „Nichts kann dir geschehen, wenn ich bei dir bin...“, Sehnsucht nach zärtlichen Händen und Lippen...Sehnsucht nach dem, was war...
Als hätte ich einen Leib aus Fleisch und Blut, wird die Brust mir eng, und das Atmen fällt mir schwer. Ich strecke die Arme aus, ringe nach Luft und hätte ich Tränen, wie bitter würde ich sie weinen...
Blicklos starre ich in die Weite der See.
Was ist nur geschehen?
Womit habe ich mich so schuldig gemacht, dass meine Seele ruhelos durch die Zeit wandelt?
Ich habe es vergessen...

Eine leise Stimme erfüllt die Luft: „Er wird kommen... Er, der dich erlöst... Du wirst ihn erkennen...Du wirst wissen, was du tun musst...
Ja, das weiß ich. Wieder werde ich Schuld auf mich laden, eine Schuld, die keine ist. Der Preis meiner Erlösung ist hoch: Er wird sich opfern, und er weiß es nicht, doch wird er sein Opfer aus freiem Willen erbringen. Doch fortan wird er mich in jeder Frau sehen, die ihm begegnet.

Die Sonne steht hoch am Himmel. Sie brennt hernieder auf das Land am Meer.
Ich hab mich zurückgezogen in den Schutz der Dünen. Als leichter heller Nebelschleier lege ich mich nieder zwischen den zerbrechlichen Halmen des Strandhafers und harre dort aus, wartend und zweifelnd.
Wo bist du?

Ein Geräusch weckt mich aus meinen Gedanken...Zweige brechen leise, und ich vernehme den ruhigen Atem eines Menschen aus dem angrenzenden Kieferngesträuch.
Scharfe Augen könnten im Dunst die Umrisse eines Frauenkörpers erkennen, als ich zwischen den Bäumen hindurchgleite. Ich spüre, dass er gekommen ist, denn eine unsichtbare Kraft zieht mich zu dem Ort, an dem ich ihn ruhend finde.
An seiner Seite lasse ich mich behutsam nieder. Er schläft wie ein Kind. Ab und zu runzelt er die Augenbrauen, als würde er träumen. Kleine, glitzernde Schweißtropfen bedecken seine Stirn. Ich wische sie weg und küsse ihn.
Er regt sich ein wenig und lächelt im Traum, als ich über seine Wange streiche.
Ja, er ist es!
Hochgewachsen ist er, dunkelhaarig, und ich spüre seine Stärke. Doch da ist noch mehr... Als ich die Augen schließe, fühle ich seine Empfindsamkeit, unendliche Sehnsucht, und ich sehe durchlittene Enttäuschungen und Verrat. Ich sehe seine Liebe zu allem, was ehrlich und schön ist, und ich höre eine leise Musik, die seine Seele erfüllt.
Nein, seine Seele ist nicht rein, doch sie ist groß, stark und voll von Liebe.
„Wach auf, Liebster!“ flüstere ich an seinem Ohr. „Wach auf und komm zu mir!“
Sein Schlaf wird leicht, und er wird erwachen. Zeit für mich zu gehen, doch nicht, ohne ein Zeichen zu hinterlassen. Seine Schuhe nehme ich mit mir. Ich werde sie am gestrandeten Boot niederlegen.

Die Sonne geht unter und färbt die See mit ihren letzten Strahlen rot. Zarte, glitzernde Schaumkämme zeigen sich auf den Wellen, wenn das ersterbende Licht sie trifft.
Ich sehe den unbekannten Wanderer, wie er sich niedersetzt am Wrack des Bootes. Ratlos und doch erwartungsvoll schaut er sich um. Es scheint, als verstünde er die Bedeutung und das Besondere dieser Stunde. Tief atmet er den salzigen Duft des Meeres und den berauschenden Geruch des Waldes ein.
Es ist soweit...
Ich erhebe mich, höre das Lied der See, wie sie gegen die Klippen schlägt, wie es zischt und tost, und ich spüre die Kraft, die sie mir immer mit ihrem Gesang geschenkt hat. Ich spüre meinen Körper...Ja, ich spüre ihn so deutlich und kraftvoll, dass ich mich strecke, den Kopf in den Nacken lege und über meine Brüste und meine Hüften streiche. Diese Kraft lässt meine Augen leuchten und meinen Atem schneller werden, als ich mit im warmen Wind wehendem Haar zu tanzen beginne, wie ich in einem früheren Leben tanzte, weich und biegsam und wild.
Mein Kleid ist weiß, aus einem feinen Stoff, durchscheinend fast, und es fließt wie Wasser an meinem sich wiegenden Körper hinab.
Mit geschlossenen Augen vertraue ich mich dem Gesang des Meeres an. Meine Arme sind wie die Zweige junger Bäume, und meine Hände wie ihre Blätter. Meine Hüften ahmen wie die Wellen des Meeres nach, und meine Füße sind leicht und berühren kaum den Boden.
In mich selbst versinke ich und vergesse fast den fremden Mann, der mir gebannt zusieht und den Blick nicht wenden kann.
Ein ungeahntes Glücksgefühl lässt mich schneller und schneller tanzen. Ich drehe mich, dass sich mein Kleid im Wind bauscht und fühle mich wie ein Vogel, der sich in die Lüfte erhebt.

Dann drängt sich die Anwesenheit des Fremden wieder in meine Gedanken, der noch immer unverwandt zu mir herüber sieht.
Unsere Blicke treffen sich, als ich mich ihm nähere. Meine Hand berührt das Holz des Bootes, und wieder blitzen totgeglaubte Erinnerungen in mir auf: Ein großer, dunkelhaariger Mann...starke, zärtliche Hände...Und die Frage: Was ist ihm geschehen?
Schickt er dich zu mir?
Ich knie neben ihm nieder, nehme seine Hand und schmiege sie an meine Wange. Die Berührung tut gut, und meine Lippen küssen seine Handfläche.
Mit dem Finger streiche ich sanft über seine Stirn, seine Wange, sein Lippen. Einen Arm schlinge ich um seinen Nacken, und ein Hauch ist es nur, als ich an seinem Ohr leise flüstere: „Endlich bist du da...“

Als er mich küsst, spüre ich, dass ich aus Fleisch und Blut bin.
Als er mich in seine Arme nimmt, spüre ich, dass ich eine Frau bin.
Der Sand des Strandes wärmt meinen Rücken, als ich niedersinke, seine Lippen an meinem Hals spüre und seine Hände auf meinen Hüften.

Eine lange Spanne Zeit vergeht, bis wir uns voneinander lösen. Doch die Zeit ist bedeutungslos für uns. Wieder halten mich seine Arme, und für einen Augenblick mache ich mich ganz klein in dieser Geborgenheit. „Wenn ich bei dir bin, kann dir nichts geschehen...“
Ich will nicht fort, doch mein Körper wird schwächer.
Es ist Zeit zu gehen.
Er schläft.
Ich küsse seine Augen und seine Stirn.
„Leb wohl, Liebster! Ich danke dir.“
Ich küsse seine Lippen.
„Verzeih mir!“
Dann erhebe ich mich.
Als ich in die Richtung des Wassers laufe, spüre ich Bewegung hinter mir.
Er folgt mir, und ich laufe schneller.
„Geh zurück!“ will ich rufen, doch meine Stimme ist nicht mehr als ein heiseres Flüstern. „Bleib zurück!“
Sieht er denn nicht, dass ich immer durchscheinender werde?
Als ich das Wasser erreiche, löse ich mich vollens auf und bin nichts als ein Nebelwölkchen, das im Wind verweht. Ich bin frei. Seine Liebe hat mich befreit.
Aus der Höhe sehe ich, wie er ins Wasser watet. Wenig später treibt sein Körper auf den Wellen.
Das letzte, was ich sehe, ist ein Schiff am Horizont.
Man wird ihn finden.
©Anika/Lykaon
2006


Zuletzt modifiziert von Anika am 18.03.2008 - 10:49:05


Susan
Grünschnabel

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2    Dienstag, 03. Juli 2007 um 23:01 Uhr
      

*seufz*

Die Geschichte hat Passagen, da fühle ich tief mit... Gefühle und Gedanken, die man ach so gern wegschiebt, weil sie manchmal fast unerträglich scheinen... und weil es viel bequemer ist, nicht zu fühlen.

Danke Ihr beiden!



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