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[Story] September


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Anika

Mitgliedschaft beendet
1    Dienstag, 18. März 2008 um 13:23 Uhr
      

September

Von Anika

Endlich ein freier Tag!
Ich kann tun und lassen, was ich will...
Doch leider nutzt man diese Tage oft, um Dinge aufzuarbeiten, die schon lange darauf warten, dass man sich um sie bekümmert.
Ich werde auf den Dachboden hinaufsteigen, um Ordnung zu schaffen.
Dort oben haben sich viele Dinge angesammelt, die niemand mehr braucht, die niemand vermisst und von denen ich mich trennen will.
Ich weiß, was mich erwartet, wenn ich die Tür öffne und den staubigen Speicher betrete, und ein wenig graust es mir, denn nicht umsonst habe ich diese Arbeit so lange vor mir her geschoben.

Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass ich mich auf eine Reise in die Vergangenheit begeben werde, sobald ich die steile Treppe betrete, die zum Boden hinaufführt. Die Arbeit wird unerledigt bleiben, denn ich werde weit fort sein. Meine Wanderung durch die Zeit wird mich die Gegenwart vergessen lassen.

Als sich die Tür öffnet, umfängt mich jener Geruch, der allen Dachböden eigen ist: Die abgestandene Luft riecht muffig und ist voller Erinnerungen. Ich weiß, dass es gute Erinnerungen sind, denn die unguten und schmerzenden habe ich hier nicht aufbewahrt. Sie sind verborgen in der Tiefe meiner Gedanken, in einer eigens dafür geschaffenen Kammer, die ich verschlossen halte durch eine Pforte mit sieben eisernen Riegeln.

Alles ist so, wie ich es in Erinnerung habe:
Den meisten Platz nehmen die vielen Kartons und Kisten mit meinen Büchern ein. Ich sehe die alte Truhe, von der ich weiß, dass sie die alten Karnevalskostüme meiner Kinder enthält, aus denen sie längst herausgewachsen sind.
Dort steht, mit einem alten Laken zugedeckt, das Puppenhaus meiner Tochter, daneben ein Karton mit altem Kinderspielzeug.
Dieser eine freie Tag wird nicht reichen, alles zu sichten und zu sortieren.
Stickig und schwül ist es hier oben. Laut Kalender haben wir September, aber die Tage sind außergewöhnlich warm. Fast könnte man glauben, der Sommer kehrte zurück.

Der große alte Schrank in der Ecke zieht meine Aufmerksamkeit auf sich.
Ja, dort werde ich beginnen. Mir ist, als würde ich diesen Entschluss nicht aus eigenem Willen fassen, sondern es zieht mich etwas zu ihm, das ich nicht beim Namen nennen kann. Es ist ein Gefühl, und ich kann es nicht beschreiben.
Ist es Neugier? Nein, Neugier allein ist es nicht, die mich eine der schweren Türen öffnen lässt.
In einem der unteren Fächer steht eine braune flache Schatulle aus Holz, und meine Hände greifen sofort danach. Vor Zeiten schenkte mir meine Großmutter dieses Kästchen für all die hochgeheimen „Schätze“ meiner Kinderzeit, und lange enthielt sie Dinge wie Steinchen und Muscheln von den Stränden der Ostsee, hübsche Vogelfedern, bunte Murmeln und Bänder und allerlei Krimskrams.
Eines Tages warf ich all das fort und machte Platz für wirkliche „Schätze“...
Es sind dies die Erinnerungen an meine erste große Liebe, die in der Dunkelheit des alten Schrankes die Jahre überdauerten.
Viel zu lange haben sie dort geschlafen, denn die Jahre flogen dahin, ausgefüllt mit den täglichen Verrichtungen, Freuden und Sorgen.
Zeit, mich an vergangenes Glück zu erinnern, blieb mir nie.

Ich öffne den Deckel, und mein Herz flattert in meiner Brust wie ein gefangener Vogel.
Der dunkelblaue Samt, mit dem die Schatulle ausgeschlagen ist, hat nichts von seinem Glanz eingebüßt, und so leuchtet mir ein blassgelbes Seidentuch entgegen. Als ich es aus dem Kästchen ziehen will, bemerke ich, dass es als Hülle dient für weitere Gegenstände: Ein kleines Büchlein mit hellbraunem, ledernen Einband und ein Album, wie man es benutzt, um Fotos aufzubewahren.
Ich lege diese beiden Dinge beiseite, denn ich weiß mit aller Deutlichkeit, was sie enthalten, und das bewirkt, dass mein Herz mehrere unregelmäßige Schläge tut.

Das Seidentuch... Wie habe ich es geliebt, denn es war Geschenk. Es bedeutete mir damals so unsagbar viel, dass ich es fast immer bei mir trug.
Ich trete vor den Spiegel an der mittleren Tür des alten Schrankes und lege mir das Tuch um die Schultern. Auf den hellen Untergrund leuchten blaue Blüten von Vergissmeinnicht. Vielleicht rührt meine Liebe zu diesen kleinen Blumen noch aus jener Zeit her.
Ich betrachte mein Gesicht und seufze.
Während ich mich anstarre, beginnt mein Spiegelbild zu verschwimmen und das junge Gesicht eines Mädchens sieht mir entgegen: Das üppige rotgoldene Haar umrahmt in wilden Locken, die ihr bis in den Rücken fallen, das Gesicht. Ihre grünen Augen werden beschattet von langen dunkelbraunen Wimpern, und auf der zierlichen Nase tummeln sich lustige kleine Sommersprossen. Die Lippen sind fein geschwungen und verraten schon jetzt eine gewisse Sinnlichkeit. Ein Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden...
Sie lächelt und zieht die zarten Augenbrauen hoch, und ich weiß, was sie gerade denkt, denn ich bin es, die mir entgegenblickt:
Gleich wird Mama kommen und zornig schimpfen: „Binde dir das Haar zusammen! Mach dir am besten einen Zopf! Du hast so auffälliges Haar, da musst du nicht noch danach trachten, alle Blicke auf dich zu ziehen!“
Dabei liebte ich es, zu rennen und mit dem Rad zu fahren, dass die Haare flogen. Ich musste nur zusehen, dass ich den scharfen Augen meiner Mutter entwischte.

***

Ja, Mama...
Sie stellte ein besonderes Problem in meinem Leben dar.
Über Sexualität und alles, was damit zusammenhängt, wurde in meinem Elternhaus nie gesprochen. Das Thema war tabu. Kam das Gespräch doch einmal auf das Verhältnis von Jungen und Mädchen, dann machte Mama unmissverständlich klar, dass alles, was sich unterhalb des Nabels abspielte, schmutzig und unanständig war, und das sich nur „gewöhnliche“ Mädchen mit Jungen abgaben.
Selbst ganz natürliche Dinge wurden totgeschwiegen. So war ich auf das angewiesen, was ich mit gespitzten Ohren erlauschte, wenn Gleichaltrige oder Ältere die Köpfe zusammensteckten.
Als beispielsweise zum erstenmal meine Periode einsetzte, endete das fast in einer Katastrophe. Ich bekam meine erste Regel ziemlich spät, später als die meisten Mädchen meines Alters, was wohl dem Umstand zuzuschreiben war, dass ich das Ballett-Training, das ich seit frühesten Kindertagen absolvierte, wie einen Leistungssport betrieb. Ich hatte natürlich bemerkt, dass sich manche meiner Freundinnen einmal im Monat seltsam benahmen und davon sprachen, dass sie „ihre Tage“ hätten, doch hätte ich niemals nach der Bedeutung gefragt, um nicht als dumm zu gelten.
So wurde ich von diesem Ereignis unvorbereitet überrascht, als ich eines Nachts auf die Toilette ging und Blut in meinem Slip und in meinem Nachthemd fand. Ich glaubte mich todkrank, und tagelang ging ich bedrückt und verzweifelt umher, bis ich mich meiner Tante Grete anvertraute, die mir alles erklärte.

Mama war auch schuld an meinem ersten BH. Ich muss lächeln, wenn ich an dieses grausige Teil denke. Nein, da gab es keine zarte Spitze, die reizvoll und mädchenhaft die kleinen, festen Brüste barg. Dieser BH war aus einem trikotähnlichen Material, hautfarben, und fest umhüllte er meinen winzigen Busen, und ich habe ihn gehasst und nicht verstanden, warum ich mich damit einschnüren musste.
„So sieht das anständig aus,“ sagte Mama. Nichts durfte sich bewegen unter meinen T-Shirts. Ja, ich war schließlich kein dahergelaufenes Ding...

Obwohl Mama mir mit ihren Reden von der Durchtriebenheit der Jungen und der Männer ständig in den Ohren lag, wobei sie niemals aussprach, worin denn ihre Gefährlichkeit und Unanständigkeit bestand, war ich doch über alle Maßen neugierig.
Das führte zu meinem ersten Zungenkuss. Schon oft hatte ich gehört, wie sich meine Freundinnen darüber unterhielten. Ich enthielt mich wie immer der Stimme, lauschte nur aufmerksam, damit mir nichts entging. Nahezu berühmt war die Frage: „Hast du schon mal mit Zunge geküsst?“ Dann folgte meist verschämtes Gekicher und Kopfnicken.
Was war also dran an diesem besonderen Kuss?
Die Antwort erhielt ich in meinem letzten Ferienlagersommer.
Wie in jedem Jahr bildeten sich schnell Pärchen pubertierender Halbwüchsiger. Man „ging“ miteinander.
Auch ich lachte mir so einen Freund an, der gut ein Jahr älter war als ich und, wie es schien, über einschlägige „Erfahrungen“ verfügte. Man trachtete danach, allein zu sein, und so kam es zu eben jenem Kuss. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und ließ ihn gewähren. Er schob seine Zunge zwischen meine geschlossenen Lippen, und als ich sie für einen kurzen Moment etwas öffnete, spürte ich seine Zunge in meinem Mund, wie sie hin und her fuhr, und ich hatte das Gefühl, als wollte er sie mir in den Hals stecken, so dass ich glaubte, ersticken zu müssen.
Ja, und das war’s dann auch. Mein Verlangen nach Zungenküssen und meine Neugierde waren gestillt, und ich glaubte damals nicht daran, das jemals wieder tun zu wollen.
Wie hätte ich auch ahnen können, wie oft und wie gern ich in meinem Leben noch küssen würde.

Von dem, was Männer und Frauen miteinander tun können, hatte ich keine Vorstellung. Woher denn auch? Alles war ein großes Geheimnis, durch die Reden meiner Mutter mit dem Geruch des Verdorbenen umgeben, und vielleicht stachelte gerade das meine Neugier noch an.
Ein Zufall brachte etwas Licht ins Dunkel, und unfreiwillig spielte meine Tante Grete aus Pinneberg eine entscheidende Rolle.
In den großen Ferien besuchte ich sie, aber ich war stets den ganze Tag allein, weil sie noch arbeitete, obwohl sie schon Rentnerin war, und so war ich den ganzen Tag mir selbst überlassen.
Da ich schon immer gern las, stöberte ich in den Bücherregalen umher und stieß auf ein dickes Buch, dessen Titel ich vergessen habe. Auf jeden Fall machten mich die Abbildungen noch neugieriger, als ich es von Natur aus schon war. Es war ein Aufklärungsbuch.
Was ich darin las, schockierte mich zutiefst. Rätsel über Rätsel...

Trotzdem ließen mich die Gedanken nicht los, nachdem ich das Buch heimlich wieder an seinen Platz gestellt hatte.
In der Folgezeit stand ich oft nackt vor dem Spiegel, betrachtete meinen Körper, der trotz der Tanzerei langsam weibliche Formen annahm.
Meine Sexualität war erwacht, doch auch hier ahnte ich noch nichts davon, dass ich mich einmal nach den Berührungen und den Zärtlichkeiten eines Mannes sehnen würde.
***

Das Bild im Spiegel verblasst. Ich wende mich ab. Das seidene Tuch bedeckt noch immer meine Schultern, doch ich mag es nicht ablegen.
Ich setze mich auf eine alte, staubige Kiste aus Holz und nehme die beiden anderen Gegenstände, die in der Schatulle verborgen waren, zur Hand.
Das in braunes Leder gebundene Büchlein ist mein Tagebuch aus meiner Teenagerzeit. Ich beginn zu lesen und vergesse die Zeit. Ich bemerke nicht, dass die Sonnenstrahlen, die durch die Dachluke fallen, über den Fußboden wandern. Inzwischen muss es schon Mittag sein.

Ich lese und lese und kann mich nicht trennen von der Erinnerung...

***

An einem Tag im April hielt vor unserem Haus ein Möbelwagen. Zwei Hauseingänge weiter wurde eine leerstehende Wohnung bezogen.
Von unserem Küchenfenster aus verfolgte ich den Einzug, und dann sah ich IHN: Ein großer, schlanker Junge, etwa in meinem Alter, half beim Hineintragen der Kisten und Kartons.
Das Band, das meine Haare zusammenhielt, flog in die Ecke, der Kellerschlüssel wurde geschnappt und das Rad aus dem Keller geholt.
Wie zufällig fuhr ich mehrmals an ihm vorbei, um ihn genau zu betrachten.
Wie sagten wir damals immer? Mein Goooott, ist der süüüüß ! Dabei wurde das „Mein Gott“ genauso langgezogen wie das „Ist der süüüüß“.
Ja, er sah gut aus: Dunkelblonde Locken und graue Augen. Vergessen war der blondgelockte Peppi aus meiner Klasse, der eigentlich Josef hieß und bis dahin der Grund für meine zahlreiche Mädchenträume war. Vielleicht träumte er ebenso von mir, denn er schrieb in mein Poesiealbum: Ein Körpchen voll Rosen, zwei Täubchen dazu. Die Schönste der Rosen aber bist du. Und Körbchen schrieb er tatsächlich mit „p“.
Ich fuhr also an diesem unbekannte Jungen vorbei, mein Haar flog, wehte und leuchtete, und ich heuchelte Desinteresse.
Und dann: Oh Gott, er hat mich angesehen!... Und jetzt wieder!...
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dieses Spiel spielte, jedenfalls so lange, bis wir die ersten Worte wechselten.

So begann es.
Am nächsten Tag kam er in meine Klasse, nur leider war der Platz neben mir besetzt. Aber wir gingen jeden Tag gemeinsam zur Schule und wieder nach Haus. Bald verbrachten wir fast die gesamte Freizeit zusammen.

***

Ich lege das Tagebuch in meinen Schoß und schließe die Augen. Die Erinnerung ist so nah. Deutlich sehe ich ihn vor mir, diesen Jungen, in den ich mich schon am ersten Tag verliebte: Er war viel größer als ich, wirkte stets, als wüsste er nicht, wie er sich bewegen sollte, um nicht irgendwo anzustoßen. Sein Haar war dunkelblond und gelockt, die Augen von einem intensiven Grau.

Ich greife nach dem Album.
Auf dem Einband lese ich zwei Namen. Sie sind eingefasst durch ein großes, rotes Herz. Dazu zwei Daten, die Anfang und Ende bedeuten. Die letzte Zahl habe ich ergänzt, und wahrscheinlich habe ich geweint, als ich sie schrieb...
Zwei Porträtfotos sehe ich auf der ersten Seite. Ja, das sind wir, als alles begann. Damals machten wir uns schon Gedanken über unsere Zukunft.
Nach dem Abitur würde er Medizin studieren, denn nichts wünschte er sich mehr, als Kinderarzt zu werden. Ich wollte an der gleichen Uni studieren, aber meine Stärken lagen mehr im musischen und sprachlichen Bereich.
Wir würden für immer zusammensein.

***

Der Sommer kam und mit ihm endlich die Ferien.
Wir verbrachten jeden Tag gemeinsam, ausgenommen jeweils zwei Wochen, die wir mit den Eltern auf Familienurlaub mussten. Glücklicherweise überschnitten sie sich um eine Woche, so dass wir letztendlich „nur“ drei Wochen getrennt waren.
Schöne Tage verbrachten wir am Bodden. Dort war zwar das Baden verboten, doch niemand scherte sich darum.
Wir suchten stets einen Platz, an dem wir allein sein konnten.
Dann lagen wir auf der Uferböschung, schauten in den blauen Himmel und malten uns die Zukunft in rosigen Pastellfarben.
Ich erinnere mich, dass ich den knappsten Bikini trug, den ich im Sportgeschäft finden konnte: Es war eigentlich ein hellblaues Nichts und hätte in einer Geldbörse Platz gefunden. Vor meiner Mutter musste ich ihn verstecken, denn sie vergewisserte sich stets, bevor wir an den See fuhren, ob ich denn auch diesen abscheulichen schwarzen Einteiler trug, den sie mir vor dem Urlaub gekauft hatte.

Ich lag ausgestreckt auf dem großen Handtuch. Er war neben mir, stützte sich auf einen Ellenbogen, und obwohl ich die Augen geschlossen hielt, wusste ich doch, dass er mich betrachtete. Ich spürte seinen Blick, wie er an mir hinunterglitt und wieder hinauf, und in meinem Bauch machte sich ein angenehmes, aufregendes Kribbeln breit.
Ich fühlte, wie er sich noch tiefer über mich beugte, sein Gesicht nah an meins brachte, spürte seinen Atem auf meiner Haut und dann seinen Kuss.
Längst hatte ich meinen ersten Kuss, bei dem ich fast erstickt war, vergessen. Seine Reaktionen waren immer überdeutlich und so auch an diesem Tag am Strand. An meiner Hüfte spürte ich seine Erektion und es erstaunte mich nicht, dass er sich ziemlich bald erhob und mit einem schnellen Sprung im Wasser verschwand.
Ich wusste inzwischen durch die Lektüre diverser einschlägiger Bücher, dass es eine Möglichkeit gab, diese Erregung und die damit einhergehende Erektion zu nutzen und dass ich dabei eine Rolle spielen konnte, dich ich schob sie weit von mir. Wie sollte das gehen? Ich fürchtete mich, auch wenn ich gelesen hatte, dass die Natur es so eingerichtet hat, dass Mann und Frau auch in dieser Hinsicht zusammenpassten.
Dennoch sehnte ich mich nach ihm.
Wenn wir aneinandergeschmiegt auf seinem oder meinem Bett lagen, hielt er mich in seinen Armen, und ich lauschte dem Schlagen seines Herzens und wie es sich beschleunigte, wenn ich ihn streichelte. Er versuchte es zu verbergen, wenn er eine Erektion hatte. Wahrscheinlich setzte ihm die Angst vor dem Unbekannten ebenso zu wie mir.

Es war noch nicht lange her, dass ich einmal hörte, wie Jungen eines älteren Jahrgangs ein Gespräch führten:
„Also, pass auf: Bevor du eng mit ihr tanzt, musst du dir eine Mohrrübe in die Hosentasche stecken. Wetten, dass sie sich erschreckt und davonläuft?“
Ich hatte damals keine Ahnung, was sie meinten. Warum sollte ein Mädchen erschrecken, wenn jemand eine Möhre in der Hosentasche trug?
Jetzt wusste ich, was sie meinten, aber ich fand sie nur albern und ziemlich dämlich. Mir war bewusst, dass eine solche Reaktion eines Mannes oder eines Jungen durchaus als Kompliment aufgefasst werden konnte, denn es drückte ein Gefallen und Begehren aus.
Was wussten die schon?

***

Ich blättere im Album, lege Seite für Seite um und sehe das Glück zweier junger Menschen, die noch halbe Kinder waren und doch schon beherrscht von jener großen, geheimnisvollen Liebe, wie sie nur zwischen Mann und Frau sein kann. Noch haben sie nicht alles kennen gelernt, den letzten Schritt noch nicht gewagt...

***

Der Sommer verging, und im September begann für uns das neunte Schuljahr.
Mathematik war für mich ein Martyrium, und so war es nur folgerichtig, dass ich mit ihm die Aufgaben oft gemeinsam erledigte und er mir half, mich zwischen x und y, zwischen Koordinaten, Variablen und ähnlichen „Rätseln“ zurechtzufinden.
„Ich geh rüber zu Stefan, Hausaufgaben machen!“ rief ich meiner Mutter zu und war verschwunden.

Dann kam der Tag im September, an den ich mich erinnere, als wäre es gestern gewesen und als lägen nicht viele Jahre dazwischen.
Als er auf mein Klingeln die Tür öffnete und vor mir stand, spürte ich sofort, dass es anders war als sonst. Zwischen uns breitete sich eine Spannung aus, wie ich sie nie zuvor wahrgenommen hatte.
In seinem Zimmer nahm er mich in seine Arme und küsste mich. Kein Wort fiel. Da war nur dieser Kuss, wie ich ihn kannte, zärtlich, erregend, voller Einverständnis. Und doch nahm ich noch etwas anderes wahr: Ungeduld und Verlangen.
Meine Tasche fiel auf den Boden, als ich die Arme um ihn schlang, ihn festhielt und mich an ihn schmiegte. Bevor wir uns erneut küssten, sah er wohl die Angst und die Hilflosigkeit in meinem Blick.
Er versuchte, mir etwas zu sagen, doch das waren nur gestammelte Worte, die ich nicht verstand. Ich konnte sie nur deuten und erkannte, dass es ihm erging wie mir, dass er sich hilflos und unsicher fühlte vor diesem ersten Mal.
Ich verschloss seine Lippen mit einem Kuss, und er begriff, dass dies ein Kuss des Einverständnisses war.

Von da an ging alles sehr schnell.

***

Ich muss lächeln, wenn ich daran zurückdenke. Noch immer erstaunt es mich, wie mutig ich war, obwohl mir die Furcht fast den Atem abschnürt hatte.
Welch dummes, kleines Ding ich doch war...

Die Stunde danach verbrachten wir aneinander gekuschelt. Wir streichelten uns und sprachen leise miteinander. Wenn wir uns die entsetzten Gesichter unserer nichtsahnenden Eltern vorstellten, mussten wir lachen, und ich fühlte ein fast triumphales Gefühl, wenn ich an meine sicher fassungslose Mama dachte.
Wir dachten an den nächsten Tag, an dem wir als „Mann“ und „Frau“ den Schulhof betreten würden. Im Mathe-Unterricht würde ich wieder reichlich ahnungslos sein, doch das war mir gleich. Sollte der Lehrer doch den Kopf schütteln über so große Unwissenheit. An diesem Nachmittag hatte ich andere, schönere, unglaubliche Dinge gelernt...
Bevor wir uns trennen mussten, küssten wir uns, und er sagte zum erstenmal die Worte, die ich nie vergessen werde:
„Ich hab dich lieb.!“
Er hatte wohl gefühlsmäßig geahnt, wie wichtig gerade die Worte nach diesem Ereignis für mich waren.

Von nun an nutzten wir jede sich bietende Gelegenheit, um zusammenzusein. Das ergab sich nicht so oft, wie wir es gewollt hätten, doch in den wärmeren Jahreszeiten genügte uns die Abgeschiedenheit einer Wiese oder einer Waldlichtung.
Wir lernten schnell, was alles möglich ist, wenn Mann und Frau zusammen sind. Später wurde mir klar, dass wir großes Glück hatten, nicht mit fünfzehn oder sechzehn schon Eltern zu sein, denn von Verhütung hatten wir keinen blassen Schimmer.


Das neunte Schuljahr verging, und auch in den anschließenden Sommerferien verbrachten wir beinahe die ganze Zeit zusammen.
Mit dem Beginn des neuen Schuljahres wurde alles anders. Ganz in dieser Liebe und in diesem wunderbaren Glück gefangen, übersah ich zwei dunkle Mädchenaugen, die sich an ihn hefteten und ihm folgten, wenn er sich blicken ließ.
Und das war dann das Ende. Er ließ sich einfangen, und ich weiß bis heute nicht, warum es gerade sie sein musste, die sich so gegensätzlich von mir unterschied.

***

Ich schaue auf das Datum, dass ich damals auf das Album schrieb:
25. September...
Heute ist der 25. September...
Ist es ein Zufall, dass ich gerade heute hier oben bin?
Ich trete wieder vor den Spiegel und blicke in mein Gesicht. In meinen Augen sammeln sich Tränen, doch ich hält sie zurück. Jener September liegt zu lange zurück, als dass ich darüber weinen sollte.

Noch immer habe ich das blassgelbe Tuch mit den blauen Blüten um die Schultern, und behutsam nehme ich ab. Ich hülle mein altes Tagebuch und das Album, das die Geschichte einer großen Liebe enthält, darin ein und lege alles in die hölzerne Schatulle.
Wie einen kostbaren Schatz trage ich sie die Bodenstiege hinunter.
Diese Erinnerungen sind zu teuer, um auf einem Dachboden zu verstauben.

ENDE

Anika/2005


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2    Dienstag, 18. März 2008 um 16:36 Uhr
      

WoW Smilie

Ich habe deine Geschichte mit Begeisterung gelesen, ja sogar förmlich verschlungen.
Bisher hatte ich noch keine Zeit, deine anderen Werke zu lesen, aber jetzt bin ich richtig hungrig geworden.

Wenn mein Abitur in trockenen Tüchern ist, drucke ich mir am besten alles aus tongue

Ich glaube die "Mutter" in deiner Geschichte, könnte meine Großmutter sein...

Du hast das Klischee der Mütter aus diesem Semester super getroffen!


Esst mehr Gemüse! Zwinker


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Anika

Mitgliedschaft beendet
3    Dienstag, 18. März 2008 um 20:52 Uhr
      

Danke!Zwinker
Ich freu mich natürlich, dass dir die Geschichte gefällt.


      

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