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Ein altes Mädchen aus Nippes

Ein altes Mädchen aus Nippes


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Stiff Little Finger
Grünschnabel

Beiträge: 766


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Dabei seit: 10. Jan 2006
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1    Dienstag, 21. März 2006 um 18:54 Uhr
      

Zu Vergleichszwecken und der allgemeinen Unterhaltung:


Sicher wie das Amen in der Kirche ist der körperliche (zumeist auch geistige) Verfall des Menschen im hohen Alter. Wir sind nicht unsterblich und werden, je näher der Tag des Abschieds kommt, alle irgendwie anders. Alte Menschen tragen viel an Erlebten mit sich herum und können, ihrer schwindenen Kraft zum Trotz, oft noch (oder gerade dann) die Herzen ihrer Umwelt im Sturm erobern. An dieser Stelle möchte ich eine kleine Geschichte von meiner heutigen Zugfahrt erzählen.

Ich bin auf dem Weg nach Köln. Die S12 startet von Düren gewohnt leblos, kalt und unpersönlich in Richtung Zivilisation. Die ersten drei Stationen verläuft alles so wie man es kennt. In nehme eine Vierer-Sitzgruppe ein und weiss jetzt schon, dass sich bis zu meiner Endstation in Köln niemand zu mir setzt. Ich kann in Ruhe aufschreiben, was ich heute im Praktikum gemacht habe, apathisch aus dem Fenster starren oder bescheuert aussehen indem ich versuche die Verstopfung meiner Nase durch Kopfschiefhalten vom rechten in das linke Nasenloch zu verlagern. Alles läuft auf Stand-By. Dann fährt mein Zug den Bahnhof Horrem an. Ich weiß nicht welche Laune der Natur die Menschen einst veranlasste dieses Loch zu bevölkern, aber ich stelle es mir ähnlich trostlos und verkommen wie Düren vor.

Mein Vierer wird leer bleiben, keine Frage. Einzig ein Funken Nervosität überfallt kurz mein gelanweiltes Nervenkostüm als ich daran denke, dass in Horrem oft ein und der selbe Spacken einsteigt um sich in der Vierer schräg gegenüber zu setzen und so laut seine Thunderdome (oder was das auch immer für ein Hardcore-Gabber Krachbrei sein mag) vom Disc-Man zu hören, dass es selbst extrem ausgeglichenen Menschen schwer fallen würde konzentriert ein Buch zu lesen. Ich vermute mal dem Jugendamt oder der Sonderkomission für Jugendkriminalität sollte ich zu Dank verpflichtet sein, denn heute bleibt sein Erscheinen glücklicherweise aus. Statt dessen tapst eine gekrümmt laufende Frau, auf den Regenschirm gestützt durch den Gang. Sie nimmt Platz im Vierer gegenüber. Meiner bleibt leer und ich tue diesen Vorgang einfach als "gering von der Norm abweichend" ab. Wir fahren weiter.

Am Ehrenfelder Bahnhof ertönt die gewohnt Standardisierte Durchsage des Tonband-Schaffner-Ersatzes und verweist die Fahrgäste mit anderen Zielen als dem Hauptbahnhof auf die Umsteigemöglichkeiten in andere S-Bahnen. Plötzlich, ich erschrecke mich und werde rot (warum auch immer), spricht mich die alte Dame an ob ich verstanden hätte, was der Mann im Lautsprecher gesagt hat. Herausgerissen aus der Lethargie meines Heimwegs und aufgrund der Ungewöhnlichkeit in dieser Bahn angesprochen zu werden brauche ich ein paar Sekunden um mich zu sammeln und zu antworten. Ich erkläre der Frau worum es ging, aber es ist schon zu spät. Die Gute möchte nach Nippes und hätte in Ehrenfeld umsteigen müssen. Macht aber nichts, geht am Hansaring auch. Also versichere ich der Dame, dass ich sie an der nächsten Station hinausgeleiten werde und ihr dann genau erkläre in welche Bahn sie steigen muss. Ein dankbares Lächeln breitet die vielen Falten in ihrem Gesicht aus und sie beginnt, offenkundlich erfreut über die Hilfe, ein wenig aus ihrem Leben zu erzählen.

(An dieser Stelle gebe ich sie auf Hochdeutsch wieder, denn ihr allerbestes Kölsch versteht nur der Einheimische). "Vielen, vielen Dank junger Mann. Ich bin zwar ein Mädchen aus Köln, aber ich brauche halt Orientierung. Wissen sie, ich bin in Nippes geboren. Da war alles so schön früher. Ich bin jetzt schon 87, nächste Woche werde ich 87. Aber früher in Nippes, hach ich sag ihnen, das war eine schöne Zeit. Ich brauche aber Orientierung, bin ja nicht mehr die Jüngste. Ich wurde nach Horrem verpflanzt aber meine Möbel gebe ich nicht auf. Ich will ja auch nur noch einmal schauen ob alles noch steht und ob die Häuser die Selben geblieben sind. Ich komme gebürtig aus Nippes, müssen sie wissen, bin ein Mädchen Kölns! Und wissen sie was? Mein Vater war Präsident der Prinzengarde. Ich war Tanzmariechen! Ich zeig's ihnen!". Die alte und gebrechliche, offensichtlich schon recht verwirrte Frau steht nun auf und stellt sich in den Gang der fahrenden Bahn. Mit der einen Hand hält sie sich am Sitz fest, den anderen Arm streckt sie waagerecht in die Luft. Dann ein kurzes Schnauben und sie wirbelt ihr gestrecktes Bein in die Höhe bis es ihre Hand am ausgestreckten Arm berührt. Ich bin baff, sprachlos und überaus fasziniert. Sie setzt sich wieder und fährt fort. "Ja ich kann's noch! Ich bin schon 85 wissen sie. In 3 Wochen werde ich 85. (eben waren's noch 87). Das war eine schöne Zeit in Nippes damals. Ich habe auch noch all meine Platten. Das Leben ist Schicksal und nun lande ich in Horrem. Aber ab und zu büxe ich aus. Das Leben, ein Schicksal. Aber ich bin ein Kölner Mädchen!".

Wir erreichen in diesem Moment den Bahnhof Köln-Hansaring und ich geleite sie zum gegenüberliegenden Gleis, wo ihre Anschlussbahn sie in ihr Geburtsviertel fahren wird. Als ich mich verabschiede zwinkert sie mir unbeholfen zu und sagt: "Junger Mann, das Leben ist wie Schicksal aber sie dürfen nicht aufhören sich zu wehren. Wenn man sich alles gefallen lässt ist man tot. Und das ist man früh genug.".

Ich gehe leicht verzaubert die Treppen runter und muss den ganzen Weg bis zu meiner Haustür lächeln. Und diesmal liegt es nicht an der Tatsache nach einem Besuch bei meinen Eltern auf dem Dorf wieder die Stadt zu sehen, sondern an einer alten Frau, die vermutlich niemand ernst nimmt.


Reeves
Grünschnabel

Beiträge: 146


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2    Donnerstag, 23. März 2006 um 21:01 Uhr
      

ich war ehrlich gerührt



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Grünschnabel

Beiträge: 651


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3    Freitag, 24. März 2006 um 08:32 Uhr
      

das ist doch ein schönes Erlebnis und es berührt! Von solchen, wenn auch vielleicht etwas verwirrt vorkommenden Menschen, können wir alle noch was lernen.

Ich finde es erstaunlich und auch beruhigend, dass wir Freude an solchen Kleinigkeiten haben können, wir sollten ihnen öfter die Türe öffnen.


Anika

Mitgliedschaft beendet
4    Freitag, 24. März 2006 um 20:45 Uhr
      

Eine schöne, anrührende Geschichte, die du einfühlsam erzählst.
Du gehst mit offenen Augen durch die Welt, hast eine gute Beobachtungsgabe, und was andere nach einer Stunde vergessen hätten, ist für dich Anlass, darüber zu schreiben.
Das gefällt mir, und ich wünsche mir noch viele Geschichten von dir. Solche wie diese...

Ausnehmend gut hat mir gefallen, wie du den Wandel beschreibst, der sich in dir innerhalb kurzer Zeit vollzog: Zunächst gelangweilt, ja geradezu pessimistisch, und am Schluss "verzaubert".

Sehr schön!
Schreib weiter!
Du hast Talent!


      

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