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Eine Familie zum Gernhaben

Eine Familie zum Gernhaben


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Stiff Little Finger
Grünschnabel

Beiträge: 766


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1    Donnerstag, 23. März 2006 um 19:30 Uhr
      

Weit verbreitet ist der Gedanke von der Anonymität der Grossstadt. Du kannst frei und unbekümmert auf der Straße langlaufen, Dich kennt ja eh niemand. Mag auch oftmals so sein, aber nach einiger Zeit bekommt man Einblicke unter die Kruste der städtischen Alltagsmassenabfertigung. Man erkennt Menschen wieder und beginnt unweigerlich ein profanes, aber nicht zu unterdrückendes Interesse an dem Leben von eigentlich unbekannten Vorbeiläufern zu entwickeln. Sinnbild und Prototyp dieser mentalen Verdörflichung im urbanen Raum ist für mich eine recht exponierte Kleinfamilie.

Sie steigen desöfteren in die selbe Bahn und sitzen dann meist auch noch in unmittelbarer Nähe. In letzter Zeit sind unsere Begegnungen sogar ziemlich hochfrequentiert. Sie, Typ Talkshowtouristin (Themen: "Du bist mir mit meiner besten Freundin fremgegangen, Du Arsch!" oder "Wat' soll ich denn arbeiten gehen?"Zwinker, Mitte 20, im Auftreten hochgradig asozial und mir unbekannt benamt. Wahrscheinlich aber heisst sie Sandy oder Becky und wäre bei anderem Elternhaus sicher Friseuse geworden. So aber kinderwagenschiebende Mutter. Er, Türke, hört eigentlich auf den Namen Yusuf, wird aber von seiner liebreizenden Frau stets mit "Jupp" angesprochen - besser gesagt angeranzt (Gibt es etwas schlimmeres als einen Jusuf Jupp zu nennen?). Komplettiert wird das junge Glück durch Verena (oder besser: "Wöreeena!"Zwinker. Ca. 4 Jahre, sehr lebhaft und wahrscheinlich jetzt schon gestört. Zusammen treten sie im Alltagstheater auf der Straßenbahnbühne als das 3-Gestirn der Sozialunfälle auf. Das bestätigt auch die leere Flasche Billig-Kölsch im Transportnetz des Kinderwagens, gleich neben der Babypuppe. Wieso ein so lebendiges, sprechendes, durch die Bahn tobendes Kind überhaupt noch in der Postnatalrikkscha durch die Stadt gestrolcht wird, frage ich mich an dieser Stelle besser mal gar nicht erst.

Typisch ist jedenfalls die ständig gleich bleibende Kommunikation innerhalb der Familie. Klein Verena blökt verzweifelt apatisch und nervend zugleich irgendwelche Supermarkt-Kassen-Quengel-Ware-Mama-ich-will-das-jetzt-Faxen durch die Bahn, Papa Jusuf hält schön die Fresse und das Muttertier bekommt die Krise. "Wöreena jetz' isset äve baal joot! Setz' Dich op dinge Aasch! Un' Jupp nu sach doch uch ens jet!". Jupp sagt nichts, er hat sich mit seiner Situation abgefunden. Wahrscheinlich hat er seine Frau an Karneval kennengelernt und Verena als verbindliches Andenken dazu bekommen. Meinen Glückwunsch! Wenn er dann doch mal etwas von sich gibt dann vielleicht ein "Komm, wir spielen hoppe hoppe Reiter", was aber selbst bei ihm noch eher wie ein "Halt die Fresse, sonst schlag ich sie Dir ein!" klingt. Generell ist dem Kölner Dialekt ja eh keine Spur von Freundlichkeit oder Warmherzigkeit abzuphantasieren. Es hört sich einfach dreckig und im Ursprung der Gosse zugehörig an. Wie sonst sollte diese Familie sich wohl unterhalten?

Wenn meine Überzeugungen nicht dahingehend klar formuliert für ein Kinderrecht für jedermann wären, würde ich sicher sagen "Sowas gehört verboten!". Aber ein Familienbetreuungsprogramm wäre hier sicher nicht verkehrt. Naja, es gibt eben nichts was es nicht gibt und wenn ich in ein paar Jahren vielleicht die zweifelhafte Ehre habe, an einer Schule für Erziehungsschwierige anzufangen, ist Wöreena vielleicht schon da. Jupp und seine Alte sehe ich dann alle halbe Jahre beim Elternsprechtag. Wenn sie denn kommen.


breitbaulat

Nicht registriert
2    Donnerstag, 23. März 2006 um 20:05 Uhr
      

Hammer Story!
Das wirkliche Leben!

Du bsit echt supi in Deinen Worten!

Schreibst Du meine Biographie?;-)



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Reeves
Grünschnabel

Beiträge: 146


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3    Donnerstag, 23. März 2006 um 20:57 Uhr
      

unterhaltsam und gut geschrieben zugleich


Internette
Grünschnabel

Beiträge: 651


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4    Freitag, 24. März 2006 um 08:26 Uhr
      

:-) wie wahr! Sogar Landpomeranzen wie ich "kennen" solche Familien. Und lachen musste ich bei der Sache mit den Talkshows und den Namen, Du hast ja so recht! In D sind das aber die einzigen Menschen, die noch Kinder bekommen.....und, ich habe auch die Vermutung, dass D verblödet, denn was soll aus Kindern solcher Eltern denn werden?


Anika

Mitgliedschaft beendet
5    Freitag, 24. März 2006 um 20:55 Uhr
      

Ein trauriges Thema auf amüsante, unterhaltsame Art bearbeitet...
Ich konnte nicht anders, ich musste lachen, obwohl ich die Bitterkeit hinter deinen Zeilen spürte.

Das erinnert mich doch sehr an die Kinder, die hier die nahegelegene Förderschule besuchen. Ich hab also die "Produkte" solcher Famlien direkt vor der Nase.
Die Kinder tun mir leid.
Welche Perspektive haben sie?


Stiff Little Finger
Grünschnabel

Beiträge: 766


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6    Freitag, 24. März 2006 um 21:15 Uhr
      

 Zitat von Anika

Welche Perspektive haben sie?

Ich tippe auf Kriminalität und Sonderschule. Echt Leute, ich kenn mich ja mittlerweile recht mit dem Sonderschulwesen aus und kann aus eigener sowie Fremderfahrung versichern: Erschreckend viele Kids auf diesen Schulen sind da eigentlich sowas von zu Unrecht.


Daemonarch
Grünschnabel

Beiträge: 1946


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7    Samstag, 25. März 2006 um 14:41 Uhr
      

Die sind deutschland.. *kotz


      

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