[Story] "Rotfuchs"
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Anika
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1 Freitag, 28.
April 2006 um 18:08 Uhr
„Rotfuchs“
oder
„Wie aus Puppele und Purzelchen Andrea wurde“
Am frühen Morgen eines Tages im Mai lag eine schon nicht mehr junge Frau in den Wehen. Seit Stunden kämpfte sie, und so hatten ihre Kräfte sie fast schon verlassen.
Doch sie wusste eine wunderbare Frau an ihrer Seite, die ihr ununterbrochen Mut zusprach. Ihre eigene Mutter war es, Hebamme in jenem Krankenhaus, die es sich nicht nehmen ließ, ihr zweites Enkelkind auf die Welt zu bringen.
Zu jener Zeit, in jenem anderen Land, war es nicht üblich, dass die werdenden Väter der Geburt beiwohnten und die Hand der Gebärenden hielten.
Dann war er da, der große Augenblick, in dem ich mit der letzten Wehe hinausgeschleudert wurde in einen kühlen Maimorgen und in das kalte Weiß des Kreissaals.
Selbstverständlich erinnere ich mich nicht mehr an diesen Moment, und so war ich immer auf die Erzählungen meiner Großmutter angewiesen.
Als ich wie am Spieß schrie, machte sich um meine Mutter betretenes Schweigen breit. Ich wurde fortgebracht, und meine Mama, die sich nach mir den Hals verrenkte, bekam einen Anfall von Hysterie, als sie die leisen Worte meiner Oma hörte, die sie im Hinausgehen zur zweiten Hebamme sprach: „Sollten wir ihr nicht lieber doch ein Mützchen aufsetzen?“
„Was ist mit meinem Kind?“ schrie meine Mama, und sie schrie so laut und so lange, bis man mich zu ihr brachte.
Ich hatte rotes Haar.
Da war nicht nur ein zarter Flaum, der eine Babyglatze zierte, sondern mein Haar stand wild und rot in ungewöhnlicher Fülle von meinem zarten Köpfchen ab.
Meine Mama atmete auf und warf nur einen wütenden Blick zu den betreten in einem Winkel stehenden Hebammen. Sie verstand ihr ungewöhnliches Verhalten nicht, sie hatte doch selbst rotblondes Haar. Vermutlich sah sie mich mit den Augen der Mutterliebe, denn ihr entging wohl, dass mein feuerroter Schopf ihr eigenes Haar an Leuchtkraft beträchtlich übertraf.
Von dieser ersten Stunde meines Lebens an war mein Dasein nun geprägt durch eine auffällige Äußerlichkeit. Noch heute beherrscht sie mein Leben.
Mein Papa gab mir den Namen Andrea, doch so wurde ich nie gerufen. Stattdessen nannte mich alle Welt „Puppele“ und „Purzelchen“, und auch die alberne Abwandlung meines Namens in „Anichen“ klebte an mir über lange Zeit wie Pech.
Jahre vergingen.
Ich war ein wildes Kind.
Selbst meine sanfte Oma war der Meinung, niemals ein widerspenstigeres, eigensinnigeres und widerborstigeres kleines Ding gekannt zu haben.
Vier Jahre war ich alt, als mein Papa ein Machtwort sprach: „Dieses Kind muss diszipliniert werden!“
Was mein Vater sagte, war Gesetz, und meine Mutter meldete mich in der Ballettschule an, auf dass mir dort mein ungehobeltes Benehmen abgewöhnt werden sollte. Gleichzeitig hegte sie wohl noch eine andere Hoffnung: Ich stelzte auf überlangen dünnen Beinen daher, so dass mein Gang dem eines sehr jungen Rehkitzes ähnlich war. Vielleicht half mir ja das Tanzen, meine Bewegungen koordinieren zu lernen und so wenigstens eine gewisse mädchenhafte Grazie zu erlangen.
Das Tanzen gefiel mir.
Nach einiger Zeit zeigten sich die ersten Erfolge, und meine Lehrerin meinte, dass aus mir durchaus etwas werden konnte. Vielleicht keine Primaballerina, aber eine annehmbare Tänzerin.
Noch heute höre ich die Worte meiner Lehrerin: „Anichen, nimm die Schultern zurück und das Kinn hoch! Den Rücken gerade!“
Plier! Encore une foi! Concentration, sil vouz plai !
Ein Wermutstropfen fiel in dieses kindliche Glück: Mein feuerroter Schopf...
Die Regeln der Schule verlangten, dass langes Haar streng zurückgekämmt und zu einem kleinen Knoten am Hinterkopf gebunden werden sollte.
Mein Haar war lockig und lang, und sämtliche Bemühungen, es zu bändigen, schlugen fehl. Es half nicht, es zu befeuchten, und so griff meine Mama zu Gel, sparte nicht damit und pappte meine Locken auf meinem Kopf fest.
Wenn wir auftraten, trugen wir entsetzliche rosa Trikots und rosa Tüllrückchen, und so ähnelte ich bei diesen Gelegenheiten mit meinem gegelten roten Haar und meinem kleinen Gesichtchen einer nass gewordenen rosaroten Maus.
Die Bilder aus dieser Zeit eigneten sich ausnehmend gut, meinen ab und an ein wenig störrischen Kindern zu guter Laune zu verhelfen.
Mein eigentliches „Martyrium“ begann mit dem Eintritt in die Schule. Vornehmlich die Jungen waren es, die entsprechende Namen für mich fanden, wenn ich mich blicken ließ. Ihr Repertoire war groß: Rotfuchs, Feuermelder, Hexenkind und sogar der Liebling aller Kinder, der Pumuckl, wurde nicht verschont.
Wenn ich heulend nach Hause kam, nahm meine Oma mich in den Arm und sagte: „Nun weine doch nicht, Puppele! Ein Buckel wäre viel schlimmer.“
Da hatte sie zweifellos recht, doch meine Probleme blieben.
Ich begann mein Haar zu hassen.
Eines Tages - ich war etwa neun Jahre alt – drückte ich meiner besten Freundin Melly Omas Schneiderschere in die Hand.
„Scheid es ab!“
Und Melly schnitt und stutzte und wütete emsig, bis der Fußboden von roten Locken übersät war. Der Blick in den Spiegel offenbarte: Nichts hatte sich geändert. Mein Haar war noch immer rot. Das Problem war nach wie vor präsent, und dazu sah ich nun aus wie ein gerupftes Hühnchen mit roter Igelfrisur über dem Spitzmausgesicht.
Papa verpasste mir eine gehörige Tracht, Mama lief durch die Zimmer, rang verzweifelt die Hände und rief ein übers andere Mal; „Herr im Himmel, was habe ich verbrochen, dass du mich mit diesem Kind strafst?“
Oma kühlte mein rotes Hinterteil und murmelte: „Es wird schon wieder. Das wird schon wieder.“
Es war so weit!
Ich musste meine Strategie ändern!
Heulen und Haare schneiden brachten keine Verbesserung.
Also musste ich meine Strategie ändern! Wenn ich schon wie ein Junge aussah, konnte ich mich auch wie einer benehmen...
Und so stürmte ich los, wenn sich meine Widersacher zeigten und ihre Reden führten. Ich wurde zu einer wilden Furie, ließ meine kleinen Fäuste fliegen, kratzte und spuckte. Dabei bekam auch manch Unbeteiligter meine Wut zu spüren, denn ich war inzwischen so misstrauisch geworden, dass ich glaubte, jeder, der mich nur ansah, wollte sich über mich lustig machen.
Meine Attacken waren wie der Kampf einer Maus gegen Ochsen. Sie hatten dennoch den Effekt, dass die Hänseleien aufhörten. Wahrscheinlich nötigte meinen Feinden die Courage dieser Mücke Respekt ab. Manche von ihnen lächelten mich später an, wenn ich vorüberging...
Aus dieser Zeit ist mir die unselige Veranlagung geblieben, Blicke, Gesten und Worte falsch zu deuten und entsprechend emotional zu reagieren. Ich bin schnell eingeschnappt und mache dicht.
Meine Oma starb, als ich elf Jahre alt war. Mit ihr verlor ich meine wichtigste Bezugsperson, und dabei hätte ich sie in den folgenden Jahren so sehr gebraucht, denn ich wurde viel zu früh erwachsen.
Noch heute ist sie mein Engel, und manchmal habe ich das Gefühl, sie steht neben mir, schüttelt den Kopf und flüstert: „Also, weißt du, Puppele! Wie hast du denn das wieder fertig gebracht?“
Ich wünsche mir so, zu werden wie sie: Gütig, liebevoll, sanft, alles verstehend.
Irgendwann zwischen meinem zwölften und dreizehnten Geburtstag bemerkte ich, dass sich meine Freundinnen veränderten. Sie steckten die Köpfe zusammen und kicherten, wenn Jungen vorübergingen, betrachteten sich auffällig oft im Spiegel, und das allerwichtigste war, sie hatten schon...Brüste, und sie hatten längst alle ihre Periode!
Ich war zu meinem Leidwesen platt wie eine Flunder, und auch sonst regte sich nichts, was wohl dem Umstand zuzuschreiben war, dass ich die Tanzerei wie einen Leistungssport betrieb.
Während ich von nun an nahezu verzweifelt wartete, dass mir Brüste wuchsen, geschah etwas Merkwürdiges:
Ich entdeckte mich selbst, und der Spiegel wurde mein bester Freund. Ich betrachtete mich oft, und irgendwann in dieser Zeit, in der ich Zwiesprache mit mir hielt, fand ich heraus, dass es angenehm war, sich selbst zu berühren. Meine Sexualität war erwacht, und es schien, als würde in meinem Körper ein Schalter umgelegt.
Von da an ging alles rasend schnell: Mein jungenhafter Körper bekam weibliche Formen, und mir wuchsen endlich die ersehnten Brüste.
Wenn ich mir Bilder aus jener Zeit betrachte, sehe ich ein Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, mit rotblonder Lockenmähne, grünen Augen, langen dunkelbraunen Wimpern und vollen Lippen, die schon damals eine gewisse Sinnlichkeit ahnen ließen, und dem die albernen Namen, mit denen sie gerufen wurde, so zuwider waren, dass sie allen verbot, sie jemals wieder Puppele, Purzelchen oder Anichen zu betiteln. Wer nicht einen Tobsuchtsanfall meinerseits riskieren wollte, dem war tunlichst angeraten, mich Anna zu nennen.
Ich kam nicht zurecht mit den Veränderungen, die sich in mir und mit mir vollzogen und fiel zurück in die alte Kratzbürstigkeit und Unausstehlichkeit. Ich wusste nicht, dass es meine erwachende Weiblichkeit war, die mich quälte.
Doch dann geschah etwas Wunderbares...
Ich war gerade vierzehn Jahre alt, als die Liebe zu mir kam. Sie erschien in der Gestalt eines großen grauäugigen Jungen.
Er nannte mich bei meinem Namen und söhnte mich mit meiner roten Haarpracht vollends aus, als er sein Gesicht darin vergrub, sich meine Locken durch die Finger gleiten ließ und mir das nasse Haar zurückstrich, wenn wir am Strand die Sommernachmittage verbrachten.
Unter seinen zärtlichen Händen wurde ich Anna. Das Puppele und das Purzelchen verschwanden endgültig, und auch das dumme Anichen starb einen lautlosen Tod.
Seit dieser Zeit gibt es sie Anna, die Frau, die ihr Leben meistert durch alle Schwierigkeiten hindurch, die schon am Morgen lachen kann und die jedoch allzu oft erfahren muss, dass ihre Freimütigkeit und Aufrichtigkeit sie angreifbar und verwundbar machen. Dennoch bleibt sie offen und verliert nicht die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen.
Und in Anna, der Frau, die sie heute ist, wohnt noch immer Anna, das Mädchen, das viel zu früh erwachsen werden musste: Scheu, verletzlich und neugierig auf das Leben...
Und die Moral der Geschichte?
Ganz einfach: Alles im Leben braucht seine Zeit...
©Anika/2006
Zuletzt modifiziert von Anika am 18.03.2008 - 11:03:38
„Rotfuchs“
oder
„Wie aus Puppele und Purzelchen Andrea wurde“
Am frühen Morgen eines Tages im Mai lag eine schon nicht mehr junge Frau in den Wehen. Seit Stunden kämpfte sie, und so hatten ihre Kräfte sie fast schon verlassen.
Doch sie wusste eine wunderbare Frau an ihrer Seite, die ihr ununterbrochen Mut zusprach. Ihre eigene Mutter war es, Hebamme in jenem Krankenhaus, die es sich nicht nehmen ließ, ihr zweites Enkelkind auf die Welt zu bringen.
Zu jener Zeit, in jenem anderen Land, war es nicht üblich, dass die werdenden Väter der Geburt beiwohnten und die Hand der Gebärenden hielten.
Dann war er da, der große Augenblick, in dem ich mit der letzten Wehe hinausgeschleudert wurde in einen kühlen Maimorgen und in das kalte Weiß des Kreissaals.
Selbstverständlich erinnere ich mich nicht mehr an diesen Moment, und so war ich immer auf die Erzählungen meiner Großmutter angewiesen.
Als ich wie am Spieß schrie, machte sich um meine Mutter betretenes Schweigen breit. Ich wurde fortgebracht, und meine Mama, die sich nach mir den Hals verrenkte, bekam einen Anfall von Hysterie, als sie die leisen Worte meiner Oma hörte, die sie im Hinausgehen zur zweiten Hebamme sprach: „Sollten wir ihr nicht lieber doch ein Mützchen aufsetzen?“
„Was ist mit meinem Kind?“ schrie meine Mama, und sie schrie so laut und so lange, bis man mich zu ihr brachte.
Ich hatte rotes Haar.
Da war nicht nur ein zarter Flaum, der eine Babyglatze zierte, sondern mein Haar stand wild und rot in ungewöhnlicher Fülle von meinem zarten Köpfchen ab.
Meine Mama atmete auf und warf nur einen wütenden Blick zu den betreten in einem Winkel stehenden Hebammen. Sie verstand ihr ungewöhnliches Verhalten nicht, sie hatte doch selbst rotblondes Haar. Vermutlich sah sie mich mit den Augen der Mutterliebe, denn ihr entging wohl, dass mein feuerroter Schopf ihr eigenes Haar an Leuchtkraft beträchtlich übertraf.
Von dieser ersten Stunde meines Lebens an war mein Dasein nun geprägt durch eine auffällige Äußerlichkeit. Noch heute beherrscht sie mein Leben.
Mein Papa gab mir den Namen Andrea, doch so wurde ich nie gerufen. Stattdessen nannte mich alle Welt „Puppele“ und „Purzelchen“, und auch die alberne Abwandlung meines Namens in „Anichen“ klebte an mir über lange Zeit wie Pech.
Jahre vergingen.
Ich war ein wildes Kind.
Selbst meine sanfte Oma war der Meinung, niemals ein widerspenstigeres, eigensinnigeres und widerborstigeres kleines Ding gekannt zu haben.
Vier Jahre war ich alt, als mein Papa ein Machtwort sprach: „Dieses Kind muss diszipliniert werden!“
Was mein Vater sagte, war Gesetz, und meine Mutter meldete mich in der Ballettschule an, auf dass mir dort mein ungehobeltes Benehmen abgewöhnt werden sollte. Gleichzeitig hegte sie wohl noch eine andere Hoffnung: Ich stelzte auf überlangen dünnen Beinen daher, so dass mein Gang dem eines sehr jungen Rehkitzes ähnlich war. Vielleicht half mir ja das Tanzen, meine Bewegungen koordinieren zu lernen und so wenigstens eine gewisse mädchenhafte Grazie zu erlangen.
Das Tanzen gefiel mir.
Nach einiger Zeit zeigten sich die ersten Erfolge, und meine Lehrerin meinte, dass aus mir durchaus etwas werden konnte. Vielleicht keine Primaballerina, aber eine annehmbare Tänzerin.
Noch heute höre ich die Worte meiner Lehrerin: „Anichen, nimm die Schultern zurück und das Kinn hoch! Den Rücken gerade!“
Plier! Encore une foi! Concentration, sil vouz plai !
Ein Wermutstropfen fiel in dieses kindliche Glück: Mein feuerroter Schopf...
Die Regeln der Schule verlangten, dass langes Haar streng zurückgekämmt und zu einem kleinen Knoten am Hinterkopf gebunden werden sollte.
Mein Haar war lockig und lang, und sämtliche Bemühungen, es zu bändigen, schlugen fehl. Es half nicht, es zu befeuchten, und so griff meine Mama zu Gel, sparte nicht damit und pappte meine Locken auf meinem Kopf fest.
Wenn wir auftraten, trugen wir entsetzliche rosa Trikots und rosa Tüllrückchen, und so ähnelte ich bei diesen Gelegenheiten mit meinem gegelten roten Haar und meinem kleinen Gesichtchen einer nass gewordenen rosaroten Maus.
Die Bilder aus dieser Zeit eigneten sich ausnehmend gut, meinen ab und an ein wenig störrischen Kindern zu guter Laune zu verhelfen.
Mein eigentliches „Martyrium“ begann mit dem Eintritt in die Schule. Vornehmlich die Jungen waren es, die entsprechende Namen für mich fanden, wenn ich mich blicken ließ. Ihr Repertoire war groß: Rotfuchs, Feuermelder, Hexenkind und sogar der Liebling aller Kinder, der Pumuckl, wurde nicht verschont.
Wenn ich heulend nach Hause kam, nahm meine Oma mich in den Arm und sagte: „Nun weine doch nicht, Puppele! Ein Buckel wäre viel schlimmer.“
Da hatte sie zweifellos recht, doch meine Probleme blieben.
Ich begann mein Haar zu hassen.
Eines Tages - ich war etwa neun Jahre alt – drückte ich meiner besten Freundin Melly Omas Schneiderschere in die Hand.
„Scheid es ab!“
Und Melly schnitt und stutzte und wütete emsig, bis der Fußboden von roten Locken übersät war. Der Blick in den Spiegel offenbarte: Nichts hatte sich geändert. Mein Haar war noch immer rot. Das Problem war nach wie vor präsent, und dazu sah ich nun aus wie ein gerupftes Hühnchen mit roter Igelfrisur über dem Spitzmausgesicht.
Papa verpasste mir eine gehörige Tracht, Mama lief durch die Zimmer, rang verzweifelt die Hände und rief ein übers andere Mal; „Herr im Himmel, was habe ich verbrochen, dass du mich mit diesem Kind strafst?“
Oma kühlte mein rotes Hinterteil und murmelte: „Es wird schon wieder. Das wird schon wieder.“
Es war so weit!
Ich musste meine Strategie ändern!
Heulen und Haare schneiden brachten keine Verbesserung.
Also musste ich meine Strategie ändern! Wenn ich schon wie ein Junge aussah, konnte ich mich auch wie einer benehmen...
Und so stürmte ich los, wenn sich meine Widersacher zeigten und ihre Reden führten. Ich wurde zu einer wilden Furie, ließ meine kleinen Fäuste fliegen, kratzte und spuckte. Dabei bekam auch manch Unbeteiligter meine Wut zu spüren, denn ich war inzwischen so misstrauisch geworden, dass ich glaubte, jeder, der mich nur ansah, wollte sich über mich lustig machen.
Meine Attacken waren wie der Kampf einer Maus gegen Ochsen. Sie hatten dennoch den Effekt, dass die Hänseleien aufhörten. Wahrscheinlich nötigte meinen Feinden die Courage dieser Mücke Respekt ab. Manche von ihnen lächelten mich später an, wenn ich vorüberging...
Aus dieser Zeit ist mir die unselige Veranlagung geblieben, Blicke, Gesten und Worte falsch zu deuten und entsprechend emotional zu reagieren. Ich bin schnell eingeschnappt und mache dicht.
Meine Oma starb, als ich elf Jahre alt war. Mit ihr verlor ich meine wichtigste Bezugsperson, und dabei hätte ich sie in den folgenden Jahren so sehr gebraucht, denn ich wurde viel zu früh erwachsen.
Noch heute ist sie mein Engel, und manchmal habe ich das Gefühl, sie steht neben mir, schüttelt den Kopf und flüstert: „Also, weißt du, Puppele! Wie hast du denn das wieder fertig gebracht?“
Ich wünsche mir so, zu werden wie sie: Gütig, liebevoll, sanft, alles verstehend.
Irgendwann zwischen meinem zwölften und dreizehnten Geburtstag bemerkte ich, dass sich meine Freundinnen veränderten. Sie steckten die Köpfe zusammen und kicherten, wenn Jungen vorübergingen, betrachteten sich auffällig oft im Spiegel, und das allerwichtigste war, sie hatten schon...Brüste, und sie hatten längst alle ihre Periode!
Ich war zu meinem Leidwesen platt wie eine Flunder, und auch sonst regte sich nichts, was wohl dem Umstand zuzuschreiben war, dass ich die Tanzerei wie einen Leistungssport betrieb.
Während ich von nun an nahezu verzweifelt wartete, dass mir Brüste wuchsen, geschah etwas Merkwürdiges:
Ich entdeckte mich selbst, und der Spiegel wurde mein bester Freund. Ich betrachtete mich oft, und irgendwann in dieser Zeit, in der ich Zwiesprache mit mir hielt, fand ich heraus, dass es angenehm war, sich selbst zu berühren. Meine Sexualität war erwacht, und es schien, als würde in meinem Körper ein Schalter umgelegt.
Von da an ging alles rasend schnell: Mein jungenhafter Körper bekam weibliche Formen, und mir wuchsen endlich die ersehnten Brüste.
Wenn ich mir Bilder aus jener Zeit betrachte, sehe ich ein Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, mit rotblonder Lockenmähne, grünen Augen, langen dunkelbraunen Wimpern und vollen Lippen, die schon damals eine gewisse Sinnlichkeit ahnen ließen, und dem die albernen Namen, mit denen sie gerufen wurde, so zuwider waren, dass sie allen verbot, sie jemals wieder Puppele, Purzelchen oder Anichen zu betiteln. Wer nicht einen Tobsuchtsanfall meinerseits riskieren wollte, dem war tunlichst angeraten, mich Anna zu nennen.
Ich kam nicht zurecht mit den Veränderungen, die sich in mir und mit mir vollzogen und fiel zurück in die alte Kratzbürstigkeit und Unausstehlichkeit. Ich wusste nicht, dass es meine erwachende Weiblichkeit war, die mich quälte.
Doch dann geschah etwas Wunderbares...
Ich war gerade vierzehn Jahre alt, als die Liebe zu mir kam. Sie erschien in der Gestalt eines großen grauäugigen Jungen.
Er nannte mich bei meinem Namen und söhnte mich mit meiner roten Haarpracht vollends aus, als er sein Gesicht darin vergrub, sich meine Locken durch die Finger gleiten ließ und mir das nasse Haar zurückstrich, wenn wir am Strand die Sommernachmittage verbrachten.
Unter seinen zärtlichen Händen wurde ich Anna. Das Puppele und das Purzelchen verschwanden endgültig, und auch das dumme Anichen starb einen lautlosen Tod.
Seit dieser Zeit gibt es sie Anna, die Frau, die ihr Leben meistert durch alle Schwierigkeiten hindurch, die schon am Morgen lachen kann und die jedoch allzu oft erfahren muss, dass ihre Freimütigkeit und Aufrichtigkeit sie angreifbar und verwundbar machen. Dennoch bleibt sie offen und verliert nicht die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen.
Und in Anna, der Frau, die sie heute ist, wohnt noch immer Anna, das Mädchen, das viel zu früh erwachsen werden musste: Scheu, verletzlich und neugierig auf das Leben...
Und die Moral der Geschichte?
Ganz einfach: Alles im Leben braucht seine Zeit...
©Anika/2006
Zuletzt modifiziert von Anika am 18.03.2008 - 11:03:38
2 Freitag, 28.
April 2006 um 18:28 Uhr
Entschuldige das ich ausnahmsweise selbst mal wortkarg bin, aber eigentlich möchte ich dazu gerade im Moment nur ein Wort sagen.
Schön!
Entschuldige das ich ausnahmsweise selbst mal wortkarg bin, aber eigentlich möchte ich dazu gerade im Moment nur ein Wort sagen.
Schön!

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3 Samstag, 29.
April 2006 um 09:30 Uhr
Liebe Anika,
deine Geschichte ist nicht nur inhaltlich wunderbar, bewegend und lebendig wie ein Film, sondern sprachlich ein echtes Highlight. Ich liebe das geschriebene Wort, war früher sehr belesen und erlaube mir daher das Urteil. Deine Geschichte macht Lust auf mehr!
Ich drücke dich!
Susanne
Liebe Anika,
deine Geschichte ist nicht nur inhaltlich wunderbar, bewegend und lebendig wie ein Film, sondern sprachlich ein echtes Highlight. Ich liebe das geschriebene Wort, war früher sehr belesen und erlaube mir daher das Urteil. Deine Geschichte macht Lust auf mehr!
Ich drücke dich!
Susanne
Anika
Mitgliedschaft beendet
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4 Samstag, 29.
April 2006 um 19:00 Uhr
Ich sitze hier mit relatv roten Ohren, denn solches Lob hätte ich nicht erwartet.:peinlich:
@Stiff: Danke für dein Lob. Ich freue mich, dass dir mein Geschichtchen gefallen hat.:smile:
Danke auch für deine Worte, Susanne!
Sie tun mir unheimlich gut, weil ich zweifelte, ob ich die Story überhaupt ins Forum stellen sollte.
Ich drück dich auch ganz fest.:knuddel:
Danke auch an denjenigen, der mir 5 Sternchen für meinen Thread schenkte.
Ich freue mich.
(Warst du das, Susanne?);-)
Andrea
Ich sitze hier mit relatv roten Ohren, denn solches Lob hätte ich nicht erwartet.:peinlich:
@Stiff: Danke für dein Lob. Ich freue mich, dass dir mein Geschichtchen gefallen hat.:smile:
Danke auch für deine Worte, Susanne!
Sie tun mir unheimlich gut, weil ich zweifelte, ob ich die Story überhaupt ins Forum stellen sollte.
Ich drück dich auch ganz fest.:knuddel:
Danke auch an denjenigen, der mir 5 Sternchen für meinen Thread schenkte.
Ich freue mich.
(Warst du das, Susanne?);-)
Andrea
5 Samstag, 29.
April 2006 um 19:05 Uhr
Du schreibst wirklich sehr angenehm. Liest sich sehr schön. :up:
Aber mal was anderes: Hast Du den Text wirklich in den kurzen Zeitabständen geschrieben, wie oben ersichtlich? Dann ->
Du schreibst wirklich sehr angenehm. Liest sich sehr schön. :up:
Aber mal was anderes: Hast Du den Text wirklich in den kurzen Zeitabständen geschrieben, wie oben ersichtlich? Dann ->

6 Samstag, 29.
April 2006 um 19:07 Uhr
Musste einfach sein! :knuddel:
| Zitat von Anika | |
|
Musste einfach sein! :knuddel:
Anika
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7 Samstag, 29.
April 2006 um 19:22 Uhr
Danke!:smile:
Nein natürlich nicht.;-)
Ich hatte nur Bedenken, dass die Anzahl der Zeichen für einen Beitrag begrenzt sind, und deshalb hab ich den Text geteilt.
Geschrieben hab ich das, einschließlich Überarbeitung, in drei Nächten. Also jeweils immer zwei Stunden in einer Nacht. Schlafen musste ich ja auch mal.:wink:
Hab ich noch immer deinen Respekt?;-)
| Zitat von masso | |
|
Danke!:smile:
| Zitat | |
|
Nein natürlich nicht.;-)
Ich hatte nur Bedenken, dass die Anzahl der Zeichen für einen Beitrag begrenzt sind, und deshalb hab ich den Text geteilt.
Geschrieben hab ich das, einschließlich Überarbeitung, in drei Nächten. Also jeweils immer zwei Stunden in einer Nacht. Schlafen musste ich ja auch mal.:wink:
Hab ich noch immer deinen Respekt?;-)
8 Samstag, 29.
April 2006 um 19:54 Uhr
Der Respekt wäre natürlich größer, wenn Du das Ganze in 20 min. geschrieben hättest.
Aber auch so hast Du meinen vollen Respekt. Wirklich sehr schön! :up:
Mehr! ;-)
Der Respekt wäre natürlich größer, wenn Du das Ganze in 20 min. geschrieben hättest.
Aber auch so hast Du meinen vollen Respekt. Wirklich sehr schön! :up:
Mehr! ;-)
9 Dienstag, 02.
Mai 2006 um 18:13 Uhr
Wirklich rührend.
:crybaby:
Ich konnte sogar ein gerührtes Seufzen nicht unterdrücken, das während des Lesens nach Ausbruch verlangte. Sitze hier in der Radaktion der lokalen Tageszeitung und wurde daraufhin von der halben Belegschaft prüfend gemustert. Aber was wissen die schon? In der Hitze des emotionales Fegefeuers ist so ein Anzeichen der Mitgerissenheit das Mindeste.
Wirklich rührend.
:crybaby:
Ich konnte sogar ein gerührtes Seufzen nicht unterdrücken, das während des Lesens nach Ausbruch verlangte. Sitze hier in der Radaktion der lokalen Tageszeitung und wurde daraufhin von der halben Belegschaft prüfend gemustert. Aber was wissen die schon? In der Hitze des emotionales Fegefeuers ist so ein Anzeichen der Mitgerissenheit das Mindeste.
breitbaulat
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10 Dienstag, 02.
Mai 2006 um 21:49 Uhr
Sehr sehr nette Geschichte!
Und Dein letzter Satz wird mir wohl für immer Kopf sein! Danke für dieses Kompliment!
Wann kommt Dein Buch???
Sehr sehr nette Geschichte!
Und Dein letzter Satz wird mir wohl für immer Kopf sein! Danke für dieses Kompliment!
Wann kommt Dein Buch???
Anika
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11 Dienstag, 02.
Mai 2006 um 22:32 Uhr
@Michael: Danke für dein Seufzen.;-)
@Breiti: Darfst mich weiter Puppi nennen.:knuddel:
Ein Buch wird nicht kommen, aber vielleicht noch ein paar kleine Geschichten. ;-)
@Michael: Danke für dein Seufzen.;-)
@Breiti: Darfst mich weiter Puppi nennen.:knuddel:
Ein Buch wird nicht kommen, aber vielleicht noch ein paar kleine Geschichten. ;-)
Aurora
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13 Samstag, 06.
Mai 2006 um 16:34 Uhr
ich bitte doch sehr darum :alki: du hast es nämlich drauf! ich bin schon fast süchtig.
| Zitat von Anika | |
|
ich bitte doch sehr darum :alki: du hast es nämlich drauf! ich bin schon fast süchtig.
Anika
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14 Samstag, 06.
Mai 2006 um 16:50 Uhr
Danke!
Die nächsten beiden Stories kommen. Ich weiß nur noch nicht in welcher Reihenfolge. Sind beide noch nicht überarbeitet.
"Septembertag"
und
"Der Traum".
Danke!
Die nächsten beiden Stories kommen. Ich weiß nur noch nicht in welcher Reihenfolge. Sind beide noch nicht überarbeitet.
"Septembertag"
und
"Der Traum".
Anika
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16 Samstag, 06.
Mai 2006 um 17:00 Uhr
"Septembertag" ist ein Sequel oder vielleicht eine Sidestory zu "Rotfuchs", wahrscheinlich beides.
Von daher würde es schon jetzt ganz gut passen.
Aber ich weiß noch nicht. Die, die zuerst fertig ist (ist abhängig von meiner Stimmung), kommt zuerst.
| Zitat von Giganto | |
|
"Septembertag" ist ein Sequel oder vielleicht eine Sidestory zu "Rotfuchs", wahrscheinlich beides.
Von daher würde es schon jetzt ganz gut passen.
Aber ich weiß noch nicht. Die, die zuerst fertig ist (ist abhängig von meiner Stimmung), kommt zuerst.
breitbaulat
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17 Samstag, 06.
Mai 2006 um 17:02 Uhr
Ich will den Traum zuerst haben,wer weiß was da drin steht....
Hört sich so nach Phantasie an!
Ich will den Traum zuerst haben,wer weiß was da drin steht....
Hört sich so nach Phantasie an!
Anika
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18 Samstag, 06.
Mai 2006 um 17:12 Uhr
Mach dir keine Hoffnung!
Da steht nichts von dir drin!:naughty: :wink:
Ist trotzdem ein wenig Erotik drin.
*hofft, das Michael nicht zensieren will*:mrgreen:
| Zitat von breitbaulat | |
|
Mach dir keine Hoffnung!
Da steht nichts von dir drin!:naughty: :wink:
Ist trotzdem ein wenig Erotik drin.
*hofft, das Michael nicht zensieren will*:mrgreen:
breitbaulat
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20 Sonntag, 13.
August 2006 um 22:13 Uhr
Ich bin total überwältigt. Sehr bildhaft geschrieben, es war ja Erinnerung. Aber ich sehe alles vor meinem inneren Auge. Wow... gern viel mehr!
Ich bin total überwältigt. Sehr bildhaft geschrieben, es war ja Erinnerung. Aber ich sehe alles vor meinem inneren Auge. Wow... gern viel mehr!

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